Abfotografiert

Die Luft ist so kalt, dass es in den Nasenflügeln wehtut. Sie hat ein Bein um das andere geschlungen, fast sieht es so aus, als ob sie dringend aufs Klo müsste. Die Kapuze fest auf ihrem Kopf, durch kleine Ritzen im Schal schaffen es winzige, eiskalte Luftzüge trotzdem bis an den Hals. Sie schüttelt sich. 

Die Sonne färbt die eisigen Klippen in zartes Pastell, hat ihren tiefsten Stand für heute erreicht.

So angespannt war sie schon lange nicht mehr. Sie zwingt sich, eine Hand aus dem Ärmel zu schieben. Das Feuerzeug zündet erst beim vierten Versuch. 

Die Menschen, mit denen sie hierhergekommen ist, sind mit sich selbst beschäftigt. Sie ist froh, dass sie da sind. Sie ist auch froh über die einvernehmliche Stille. Nur das Rauschen des Meeres ist zu hören. Leise und klar. Direkt vor ihr und doch so weit entfernt. Ein nebliger Schleier zieht über die gewaltige Kulisse. Irgendwo da draußen schwimmen gigantische Säugetiere durch das kalte Wasser. Haarsträhnen ziehen sich durch ihr Gesicht, bleiben an den Wimpern hängen. Jetzt muss sie auch die andere Hand aus dem Ärmel befreien. 

„My love, I have a sickness. It´s only in my head. Chains me to the mask of parody“

Sie hüpft auf der Stelle. Ganz leicht. Schaut direkt in die Mitternachtssonne. Schaut auf die kleinen, glitzernden Wellenkämme, die ans steinige Ufer klatschen. Schaut auf das satt grüne, hohe Gras am Ufer. Auf die grauen, scharfen Felsen. Auf das kleine, rote Holzhaus, das einsam und alleine mitten im Fjord steht. 

Sie entspannt sich. Der kalte Wind trocknet ihre Augen. 

Dann schaut sie auf ihre rissigen Hände. 

Tausend Geschichten gleichzeitig. Wie oft haben sich diese Hände auf ihre Augen gelegt, auf Haut, auf andere Hände, auf Lenkräder. Staub abgeklopft, Dreck weggewischt. Kleine Narben. Große Erinnerungen. Wie oft haben diese Hände zugepackt, festgehalten, losgelassen. Wie oft gewunken, abgewunken. Gezittert. Gehalten. „Schau auf deine Hände“, klingt eine Stimme in ihrem Ohr.

„Oh what have I done. For whatever broken dream?“

Sie spürt ein vorsichtiges Tippen auf der Schulter. „Fahren wir zurück?“

Sie dreht sich um und schaut direkt in seine Augen. Spiegelnde Augen. „Zurück in die Realität?“ 

 

 

Kursiv: „My love is my disease“ von THE JEZABELS

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