Verbrannt

Ein Plan muss her. Immer muss irgendwie ein Plan her. Und am Ende kommt doch etwas ganz anderes raus. „Egal“, denk sie. „Was soll schon schief gehen?“

„50 states, 50 lines, 50 crying all the time´s“

Sie checkt die Wetter-App. 15 Grad kälter. „Was solls, dafür scheint die Sonne die ganze Nacht. Und Sonnenschein hilft bei allem!“ Mit sich selbst reden kam ihr noch nie komisch vor. Sie schaut aus dem Fenster. Die Strasse ist leer. Fast alle Parkplätze vor dem Haus auch. Die große Flucht. Vor der Enge der Stadt, vor dem Lärm und den Gerüchen. Vor den nach unten hängenden Mundwinkeln. 

Früher hat ihr das alles gar nichts ausgemacht. Mit der Zeit wird man anspruchsvoller. Oder einfach spießiger? Sie weiß es auch nicht. Aber das frisch geputzte Fenster trägt schon wieder einen Grauschleier. 

„50 boys, 50 lies, 50 I´m gonna change my mind´s“

Sie seufzt kurz vor sich ihn. Dann versucht sie einen Überblick über das Klamotten-Chaos zu bekommen, das sich vor ihr ausgebreitet hat. „Also, 15 Grad kälter, ihr habt es gehört!“, ruft sie und packt den Bikini doch ein. Man kann ja nie wissen…

Das Telefon unterbricht ihre Zwiesprache mit Pullis und Shirts. 

„Na du?“, eröffnet sie das Gespräch.

„Na? Wie sieht es bei dir aus?“, fragt das andere Ende.

„Chaotisch. Wie immer. Aber es ist mir egal. Wie immer.“

Sie lachen. „Was hast du vor dagegen zu tun?“

„Gar nichts. Diesmal vielleicht einfach gar nichts. Ich gehe einfach. Ich bin gerade am packen“, sie seufzt noch einmal, gut hörbar.

„Achwas! Und dann?“

„Dann fahre ich an einen Ort, an dem es Sonne aber keinen Sonnenbrand gibt. Das ist ein guter Plan. Ich habe keine Lust mehr, mich ständig zu verbrennen“, sagt sie und ihre Stimme wird dabei leiser. 

„I changed my mind, I changed my mind. Now I feel indifferent.“

„Hört sich spannend an“, sagt das andere Ende. „Wann bist du wieder da?“

„Weiß ich nicht. Wenns mir zu kalt wird? Wenn ich irgendwas vermisse vielleicht.“

„Wirst du dich bei mir melden?“

„Ich denke nicht. Du verstehst das schon. Ich brauche meine Ruhe von dem ganzen Kram hier. Und da gehörst du auch dazu“, sie sagt das mit einem ernsten Unterton, vor dem sie sich selbst ein bisschen erschrickt. 

„Wer gießt deine Blumen?“

„Immer einen Witz auf den Lippen“, sagt sie augenrollend. 

„Du machst das schon“, lacht das andere Ende ihr durch den Hörer entgegen.

„Wie immer“, sagt sie. „Wie immer. Und dann gehts weiter.“

„Oh all that time, wasted. I wish I was a little more delicate.“

„Mach dir nicht so viele Gedanken“, sagt das andere Ende. „Ich denk an dich.“

„Ich meld mich wieder“, beendet sie das Gespräch. Dann zieht sie den Bademantel wieder aus dem Koffer. „Du spinnst ja“, sagt sie zu sich selbst. „So schlimm ist es noch nicht!“

 

 

Kursiv: „Clementine“ von SARAH JAFFE

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