Regenbogenaugen

am

Die Sonne brennt heiß auf ihrem Rücken. Sie dreht sich um. Ihr Bauch ist übersät mit kleinen Abdrücken vom Handtuch. Die Haut schimmert hell im Sonnenlicht, blendet fast, also legt sie die Sonnencreme wieder zurück. Zeit für etwas mehr Farben im Spiel.

„Ich weiß ja auch nicht, was das immer soll“, hört sie die Mutter mit den drei kleinen Jungs, ein paar Meter entfernt sagen. „Jedes Mal das gleiche mit euch. Wenn der Papa kommt, dann gibts Ärger!“

Sie muss schmunzeln und schielt über die Gläser ihrer Sonnenbrille zu der Frau rüber. Sie ist keine zehn Jahre älter als sie selbst, sitzt in einem ockerfarbenen Badeanzug auf einer Picknickdecke und sammelt die Melonenstücke wieder in eine Schale, die eins ihrer Kinder umgestoßen hatte. „Na viel Spaß noch“, denkt sie sich und schaut noch kurz zu den Kindern der Frau rüber, die jetzt Sand in ihre bunten Trinkbecher schaufeln, bevor sie den Kopf wieder auf das Knäul aus T-Shirt und Shorts legt.

„Calm down, let the world spin round.

There ain´t no other place to be.“

Die letzten Tage musste sie immer wieder an Menschen denken, die sie schon lange nicht mehr gesehen hat. Und an Menschen, die schon lange nicht mehr Teil ihres Lebens waren. Eine ungewohnte Unruhe hatte sie überfallen, die dazu führte die komplette Wohnung auf den Kopf zu stellen und kistenweise Krempel zum Wertstoffhof zu fahren. Getrieben von dem altbekannten Wahn der Veränderung hatte sie ihre Möbel umgestellt und sogar die Fenster geputzt. Sie hatte alte Tagebücher gefunden. War abgedriftet in eine Vergangenheit, die ihr wie ein anderes Leben erscheint.

„Skin tears

But the flesh will weave

Back together again.

Only scars now.“

Ein Klingeln weckt sie aus ihren Gedanken. Ein Boot nähert sich dem Ufer. Die Kinder der Frau stürmen darauf zu, rufen dabei laut nach dem Geldbeutel ihrer Mutter. Ein Eisverkäufer. Auf dem Wasser. Wieder muss sie schmunzeln. Was es nicht alles gibt. 

Während die Kinder sich um das letzte Schokoladeneis streiten, beobachtet sie die Blätter an den Ästen über ihr. Ein leichter Wind lässt sie hin und her schaukeln, wenn man genau zuhört kann man es sogar leise rauschen hören. Dann klingelt der Eisverkäufer wieder, bevor er ablegt. 

Sie fühlt sich wie in einem Déjà-vu. Warme Hände streichen über ihre Wangen. Dunkle Augen beobachten sie, unter dichten, schwarzen Wimpern. Ein schüchternes Lächeln. Dann dreht er sie um, nimmt sie von hinten in den Arm und drückt sein Gesicht an ihren Hals. Sie schauen zusammen auf den Parkplatz mit den Bäumen, in denen sich Vögel um die besten Plätze streiten. Klebriges Eis tropft von der Waffel auf ihr Handgelenk. „Rainbow Eyes“ flüstert er noch in ihr Ohr, bevor er es küsst.

Zeitsprung. Jahre danach.

Sie steht in einem Geschäft, tränenüberströmt. „Es war alles perfekt. Und dann ist er einfach gestorben“, hört sie sich selbst zu der Verkäuferin sagen.

Bevor sie die Erinnerung zu Ende denken kann, setzt sie sich auf. 

Ein grauer Schleier schwebt durch ihr Sichtfeld. Der Kopf sticht. Der Kreislauf braucht ein paar Sekunden, bis sie wieder klar sehen kann. Sie trinkt einen Schluck aus der warmen Wasserflasche. Dann betrachtet sie ihre Oberschenkel. Drückt mit dem Zeigefinger hinein. Kurz bleibt die fingerkuppengroße Stelle weiß, dann färbt sie sich wieder hellrosa. 

„Stay with me my dear

As life gets harder

Whatever strikes, you´ll heal.

You will heal.“

Hinter ihr knackt ein Zweig. Sie dreht sich nicht um. Ihr Blick bleibt auf ihrer Haut hängen. Nichts war jemals wieder wie vorher.

 

 

Kursiv: „The Healing“ von BLOC PARTY

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