Omega

„Bist du schon da?“

„Ich stehe draußen“, antwortet sie. 

„Okay, dann komm ich raus und hol dich ab.“

„The boy I love´s got another girl

He might be fucking her right now.“

Drei Drinks später. Der Himmel zieht langsam immer weiter zu.

„Wir können auch woanders hingehen. Ich hab ein ziemlich bequemes Sofa…“

„Hört sich gut an“, sagt sie und denkt dabei an ihr eigenes Sofa, auf dem sie gerade viel lieber wäre. 

„Guess I’m contagious

It’d be safest if you ran

Fuck, that’s what they all just end up doing in the end.“

Als sie vor seiner Tür stehen dreht sie sich noch einmal um. Sie kennt die Straße gut. Jeden Morgen kommt sie hier vorbei. Nur fünf Minuten weiter und sie würde im Büro stehen. 

„Praktisch“, denkt sie und geht hinter ihm ins Treppenhaus.

Steriler Flur. Alles weiß, der Boden glänzt. Das helle Licht blendet. 

„Bei mir ist es sehr leer“, sagt er lachend. „Ich hatte noch keine Zeit mich einzurichten.“

„Ach, ich bin sicher das findet sich mit der Zeit“, lügt sie.

Als er im Bad ist checkt sie, wie so oft an diesem Abend, ihr Handy. Keine Nachricht. „Lass es“, denkt sie. „Geh“, denkt sie. „Das ist kein schönes Ende“, denkt sie. Dann macht sie die Augen zu.

„I need noise

I need the buzz of a sub

Need the crack of a whip

Need some blood in the cut“

Und sie denkt an einen französischen Balkon. Sie denkt an zarte Sonnenstrahlen am Morgen. Sie denkt an Laub, dass an warmen Herbstabenden über die Straßen weht. Sie denkt an Alpenpanorama. An frisch gemähtes Gras und an Spaghetti-Eis an irgendeinem Ufer. Heruntergelassene Autofenster auf dem Heimweg vom Badesee. Kleine Schweißperlen, die im Dampfbad den Rücken hinunter laufen. Sie denkt an das Gefühl von feuchtem Holz unter den Füßen, wenn man barfuß einen Bootssteg entlang läuft. An das Geräusch von knirschendem Schnee, wenn man langsam durch Loipen zieht. Warmen Sand. Trockene Felsen. Weiches Moos und den Geruch von Grill im Hinterhof.

Sie wird von keuchendem Atem aus ihren Gedanken gerissen. Schwer liegt sein Körper auf ihrem. Seine Hände gleiten an ihren Brüsten entlang. Sie fühlt nichts. „Ich glaube wir machen das jetzt öfter, oder? Ich fand den Abend wirklich toll.“

Bevor er noch mehr sagen kann lacht sie kurz. „Sowas kann ich doch jetzt nicht sagen“, antwortet sie. Lässt es ironisch klingen. 

Er lacht. Er hat den ganzen Abend viel gelacht. Hat von seinen Hobbys erzählt, die auch ihre sind. Von seiner Arbeit und seinem letztem Urlaub. Seine Kleidung stand ihm, auch nackt macht er eine gute Figur.

Doch diese Arme sind nicht für sie gemacht. Sein Humor hinterlässt auf ihrem Gesicht keine Lachfalten. 

Seine Küsse knallen hart auf ihre weichen Lippen. Es ist ihr egal.

Morgen wird sie, zum ersten und letzten Mal, nur fünf Minuten zur Arbeit brauchen. Der Breite wird sie schon bald vergessen. Es tut nicht weh.

„Reading through your messages is my favorite way to die.“

Und aus Alpha wurde Omega.

 

 

Kursiv: „Blood in the cut“ von K.FLAY

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