Alpha

am

Irgendwo hat sie mal gelesen: „Gefühle und Beleidigungen soll man nicht aufsparen, sonst werden sie schlecht.“

Was tut man, wenn Gefühle sich die Klinke in die Hand geben? Oder wenn sie anderen Gefühlen die Tür vor der Nase zuschlagen, um im nächsten Moment zehn Stockwerke vom Balkon zu springen?

Wenn Beleidigungen ausgesprochen werden, schnell um die Ecke verschwinden, um im gleichen Moment hinter einer anderen hervorzuspringen und einem das Messer in den Rücken rammen?

Es pocht heftig in ihrer Brust. Ein Meer von Gefühlen. Und das Ökosystem übersäuert langsam. Kann ein Meer umkippen? Es kann…

Sie nimmt das Telefon, schaut es eine Weile an. Dann Kurzwahltaste.

Es klingelt lange.

Fast legt sie wieder auf, da hört sie ein leises Knacken. 

Das andere Ende schweigt. 

„Es ist wieder so weit“, sagt sie, flüstert sie fast. Ihre Stimme bricht weg.

„Es ist alles gut“, sagt das andere Ende. „Wir wissen beide, es geht vorbei.“

„Ich wusste, worauf ich mich einlasse.“

„Du denkst jedes Mal, es zu wissen. Dann erwischt es dich wieder und alles beginnt von vorn“, das andere Ende hört sich dabei an, als ob es gerade in einem U-Bahn-Tunnel verschwindet. Die Verbindung ist schlecht. 

„Wo bist du?“

„In einer anderen Zeitzone“, kommt es vom anderen Ende. 

„Du hast mir nichts gesagt.“ Sie klingt ein wenig vorwurfsvoll.

„Wir haben uns lange nicht gesprochen. Ich musste mal raus. Keine gute Idee, wie ich gerade merke.“

Es knackt wieder in der Leitung. 

„Hallo?“ Sie wird langsam unruhig. Dann fragt sie lauter: „Hallo?!“ 

Ihr Telefon schweigt. 

„Scheiße!“

Sie rutscht tiefer in die Sofakissen, holt ihre Liste hervor. Pro und Contra. Contra hat gewonnen. Haushoch. Sie schmeißt den Zettel so weit weg, wie sie kann. Er segelt langsam vor ihr zu Boden. 

„Lass es bitte einfach nur ein schlechter Traum sein“, denkt sie und schließt die Augen.

Dann nimmt sie doch wieder das Telefon in die Hand. „Ich will, dass du keinen Gedanken mehr an mich verschwendest“, steht da. Erst ein paar Tage alt. „Ich liebe dich“, noch weniger Tage alt. 

Sie schaut die Bilder an. Feuerwerk. Sonne. Sie spürt wieder seine Hand auf ihrem Oberschenkel. Seine Lippen auf ihren Lippen. Den Sand zwischen den Zehen, der Geruch von Aloe vera. 

„Hin und wieder geh‘ ich fort

Geb‘ dir mein Wort, wir verlieren uns nicht“

Dann fällt ihr wieder die Contra-Liste ein und ihr Magen zieht sich zusammen. 

„Ich will nicht wegrennen“, denkt sie. „Ich will nicht immer wegrennen!“

Das Gefühl sagt: „Trau dich.“ 

Der Kopf sagt: „Renn!“

Und ihr Herz stolpert über seinen Alpha-Takt. 

Der Alpha. Es ist wieder so weit. 

 

 

Kursiv: „Immer wieder“ von ROOZ und MOTRIP

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s