Der Vorhang fällt

„Wie knüpft man an, an ein früheres Leben?“

Diese Worte hatte sie sich damals auf einem kleinen Schmierzettel aufgeschrieben. Fast fünfzehn Jahre ist es her, als sie mit dem ersten Liebeskummer ihres Lebens lethargisch auf dem Sofa lag und den letzten Teil einer Trilogie über kleine Hobbits und einen Ring zu Ende gesehen hatte.

Die erste Trennung ihres Lebens lag gerade hinter ihr. Morgens, an der Bushaltestelle. Sie war auf dem Weg in die Schule. Er war auf dem Weg zu seiner neuen Liebe. „Ich glaube das mit uns ist jetzt hier zu Ende“, hatte er gesagt, da kam gerade der Bus um die Ecke. „Wie jetzt?“ „Naja, ich will eben nicht mehr mit dir zusammen sein. Kann ich dich nochmal küssen?“

Das waren seine letzten Worte. Ungeküsst ließ sie die Bustüren vor ihrem fassungslosen Gesicht schließen.

„Wie macht man weiter, wenn man tief im Herzen zu verstehen beginnt, dass man nicht mehr zurück kann?“

Fünfzehn Jahre. Und bis heute hat sie keine Antwort gefunden, auf diese Fragen, die sich Frodo am Ende seines Abenteuers selber stellt.

Sie versucht sich an das letzte Jahr zu erinnern.

„So geht es nicht weiter“, hatte die Coole gesagt.

„Du bist dir selbst genug“, die Wissende.

Glitzernde Nächte, stürmische Nächte. Immer im Wechsel.

Er. Die Postkarte aus Marokko. Die Ewige. Der Unbekannte. Der Wikinger. Der Sanfte. Der Ritter. Der Andere. Der Kapitän. Die Seele. Der Ältere und der Jüngere. Der Starke. Die Ehrliche. Der Zwerg und der Verlorene. Die Leuchtende. Der Große. Die Beifahrerin. Die Älteste. Der Tätowierte. All die Herzensmenschen.

Und es war nur ein Jahr. Ein Jahr voller Berührungen, Armhärchen, die sich aufstellten. Kribbeln im Bauch, ziehen im Unterleib, auf Unterlippen beißen. Einatmen, Ausatmen.

Ein Jahr voller Stille. Karussell im Kopf. Achterbahn der Gefühle. Ein ganzer Jahrmarkt – Zuckerwatte und Kotzen. Auf den Tischen tanzen und der Kater am nächsten Morgen. Das Herz auf der Zunge und dann der bittere Geschmack von Reue. Volle Gläser, koste es was es wolle, aber niemand, der die Haare hält.

Und dann das Vergessen. Ach wieder nicht, ach egal, andere Mütter haben auch… und so weiter.

Aber am besten kann sie sich selbst vergessen. Aufopfern, abstrampeln, allzeit bereit. „Du bist dir selbst genug“ – nein. Das war nur ein Satz der sich so gut anhörte. Sich so gut anfühlte. Der so gut gemeint war. Den sie sich gerne übers Herz tätowieren würde, aber die Angst vor der Nadel ist viel zu groß.

Das Theater muss aufhören, denkt sie. Ich kann nicht mehr.

Reinen Tisch machen. Irgendwie. Aufräumen. Auch wenn sie in der Waagerechten gefesselt ist. Keine Kraft, alles verbraucht. Kein Anfang in Sicht, aber auch kein Ende. Irgendsoein Zwischenraum, luftleer, in dem sie gefangen ist. Wo ist der verdammte Ausgang?!

Müde.

„Manche Dinge kann auch die Zeit nicht heilen, manchen Schmerz, der zu tief sitzt und einen fest umklammert.“ Damit schließt der kleine Hobbit. Es hört sich traurig an. Verloren. Ziemlich düster. Sie kann es gut nachempfinden.

Sie weiß nicht was danach mit ihm geschehen ist. Ob er vielleicht doch noch seinen Weg finden konnte. Ob er jetzt ein Leben hat wie er es sich immer gewünscht hat. Ob er neu anfangen konnte.

Sie hat nicht das Leben das sie sich wünscht. Das steht fest.

Sie schafft es nicht, die zu sein, die sie gerne wäre.

Bergab ist immer leichter als bergauf. Denn dafür braucht es keine Kondition, kein Training, nicht viel Kraft und wenig Wille.

Nicht aufgeben, denkt sie. Das ist nicht mein Ende. Das ist nicht das Ende dieser Geschichte. Sie hat sich entschieden. Raus aus der Dunkelheit. Üben für den Aufstieg. Den gefühlt hundertsten Versuch. 25 Jahre nach der Erstbesteigung gelang es erst, den Mount Everest ohne Sauerstoff zu erklimmen.

Und vielleicht hilft doch die Zeit ein bisschen. Gibt Raum und Luft zum durchatmen und um die Wunden zu lecken. Ein bisschen Heilung. Wer frische Narben immer wieder aufreißt, der blutet irgendwann aus.

Komm schon. Tu es für dich, denkt sie. Und vielleicht, ganz vielleicht, hört das Kribbeln in der Seele für einen kurzen Moment auf.

 

„I am colorblind
Coffee black and egg white
Pull me out from inside
I am ready“

 

 

Kursiv: „Colorblind“ von COUNTING CROWS

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