Zeitlupe

am

„District lights above me, I crawl to hide. My body´s cold and frozen, don´t pull my rope of fright.“

Die kühle Abendluft zieht ihr durchs Gesicht. Nachdem sie die stickige U-Bahn hinter sich gelassen hat tut das gut. Das Gefühl der Übelkeit verschwindet so schnell wie es gekommen war. Eigentlich wollte sie noch gar nicht nach Hause. Aber es ist definitiv kein Wetter mehr für kurze Kleider. Wie auf Kommando überzieht eine Gänsehaut ihre Beine. Schneller Laufen. Mach dir warme Gedanken, denkt sie und muss gleich darauf über sich selber lachen. Warme Gedanken. In ihrem Kopf herrscht kaltes Chaos.

„Es gibt da so ne krasse Sache an Berlin“, sagt der eine Typ zum anderen Typen, der mit ihnen zusammen an der Ampel auf das grüne Männchen wartet. „Es sehen viele Leute so wichtig aus. Aber ich weiß gar nicht warum.“

Sie überquert die Straße, als die Autos gerade rot bekommen haben.

„I am alone here, feeling so out of sight. No one can see me, cause my eyes stay up all night.“

Ihr Herz schlägt bis zum Hals. Aber das ist, neben der Kälte, alles was sie spüren kann. Nicht mal ein bisschen Schmerz. Keine Tränen, die drohen sie mitten auf der Straße zu überrennen. Kein Zittern, kein Schluchzen, kein Kummer, kein Hass. Es geht wieder los, denkt sie. Sie kneift sich in den Handrücken. Nichts. Naja, vielleicht macht das die Kälte.

„I´ve changed my plans, I´m getting away. Sign me out of your game.“

Sie holt ihr Telefon aus der Tasche. „Ich wollte es euch nur wissen lassen“, tippt sie schnell. „Er ist zu seiner Ex zurück gegangen.“

Dann steckt sie das Telefon wieder ein. Lässt die Hände in den Taschen. Ihr Schritt legt noch ein Stück an Geschwindigkeit zu. Es wird schnell immer dunkler. Schichtwechsel. Bei Nacht beherrscht ein anderes Publikum die Straße.

Ab ins Bettchen mit den Beschäftigten, den Arbeitern, den Eltern, den Machern. Ihr seid für heute erlöst.

Bühne frei, für alle die noch nicht genug haben. Die gerade erst loslegen. Die es noch nicht genau wissen, oder die nicht mehr wissen wollen. Wer jetzt Nummern tauscht, hat es morgen wieder vergessen. Wer jetzt mit nach Hause genommen wird, hat hoffentlich die Sonnenbrille für den nächsten Morgen eingesteckt.

Sie weiß nie wohin sie gehört. Bett oder Bar? Irgendwie wird immer beides draus.

Jungs mit Basecaps sitzen vor einem Späti. Bier in der einen Hand. Selbstgedrehte leuchten in der anderen. Ein Lachen. Sie kennt dieses Lachen doch. Sie kneift unbewusst die Augen zusammen. Aber bei der schummrigen Straßenlaternen-Beleuchtung kann sie noch nicht genau erkennen woher es kommt.

Plötzlich hat jemand auf den Zeitlupenknopf gedrückt. Ihre Haare wehen ihr langsam vor das Gesicht. Als ihre Hand den Blick wieder freilegt, sieht sie direkt in die bekannten Augen. Ihre Beine gehorchen ihrem Kopf nicht mehr. Sie marschieren unbeirrbar weiter. Kurz kann sie den Kopf noch umdrehen. Lächelt sie? Sie weiß es schon nicht mehr. Er lächelt. Ganz sicher. Dann schweift ihr Blick zurück auf den Boden vor ihr. Sekunden später ist sie um die Ecke gebogen.

Als sie vor ihrer Tür ankommt schaut sie nochmal auf das Display des Telefons. „Was?! Wer ist zu seiner Ex zurück?“, steht da.

„Ach ja“, schreibt sie. „Der Wikinger. Das Thema ist durch. Er will seine Sachen wieder haben. Aber hey, egal. Ihr glaubt nicht wer mir gerade begegnet ist!“

Das Telefon klingelt. „Der Wikinger ist mit seiner Ex zusammen?“, fragt die Wissende, hörbar irritiert.

„Jajaja, aber das wollte ich euch gar nicht erzählen“, entgegnet sie.

„Stop mal. Was bedeutet das jetzt? Und so plötzlich? Wie geht denn das?!“, die Ewige hat sich in die spontane Telefonkonferenz mit eingeklinkt.

„Das bedeutet, dass es uns nicht mehr gibt. Aus. Ende. Vorbei. Man mag es kaum glauben, aber vielleicht ist es auch besser so. Ist mir scheißegal. Soll er glücklich werden. Aber jetzt passt doch mal auf“, ruft sie, irgendwie froh, dass sie vom eigentlichen Thema ablenken kann.

„Erinnert ihr euch noch an die Postkarte aus Marokko?“

„The noise surrounds me. I’m fading away. I’m starting all over. Again and again.“

 

 

Kursiv: „Sign me out“ von LULU ROUGE

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