Lichtsaum

Die Straße ist noch voller Menschen. Touristen. Auf dem Gehweg stehen die Tische und Stühle eines voll besetzten Restaurants. Die Laternen blenden grell. Sie drückt auf die Klingel. Der Tür-Summer knarrt laut durch die Ferien-Atmosphäre. Im Hinterhof riecht es nach Curry und gebratenen Nudeln. Je höher sie die Treppe steigt umso leiser werden die Geräusche von draußen. Als sie oben ankommt ist die Tür angelehnt. Sie zieht die Schuhe aus und geht hinein.

Jetzt dringt der Geruch nach frisch gewaschener Wäsche in ihre Nase. Die Wohnung ist wie immer hell erleuchtet. Irgendeine Comedy-Serie läuft auf dem Laptop.

Der Wikinger steht mitten im Raum und hängt Wäsche auf. Sie zieht ihre Jacke aus, geht dann auf ihn zu. Schweigend nehmen sie sich in den Arm.

„Bier?“

„Ja.“

Er geht zum Kühlschrank.

Sie legt sich auf die große Matratze am Boden. Der Wikinger reicht ihr ein Bier und holt dann eine schwarze Sporttasche aus einem Regal. Er fängt an die schon trockenen Kleidungsstücke in die Tasche zu werfen.

„Sag mal, gab es eigentlich einen bestimmten Grund warum wir uns so lange nicht gesehen haben?“ Sie stellt das Bier auf den Boden und fängt an sich eine Zigarette zu drehen. Der Wikinger stellt ihr einen kleinen, weißen Plastikbecher hin, in dem gerade so viel Wasser ist damit er von der Zigarettenglut nicht angebrannt wird.

„Viel zu tun. Wie war denn dein Urlaub so?“

„Du hast meine Frage nicht wirklich beantwortet.“ Sie zieht eine Augenbraue hoch und schaut ihn amüsiert an.

„Nach deiner letzten Nachricht hab ich einfach zu gemacht. Ich hatte das Gefühl du willst irgendwie mehr.“ Bei seinen Worten muss sie lachen.
„Echt jetzt? Ich weiß gar nicht mehr was ich überhaupt geschrieben habe.“

„Naja, ich kenne dich jetzt eigentlich schon gut genug, um zu wissen wie du sowas meinst. Aber so ganz sicher war ich mir dann doch nicht.“ Der Wikinger vermeidet bei seinen Worten den Blickkontakt mit ihr. Dann schiebt er den Wäscheständer beiseite, klappt seinen Laptop zu und setzt sich auf einen Stuhl neben der Matratze.

Sie schweigen eine Weile. Ein paar Mal setzt sie an, verstummt dann aber doch gleich wieder.

„Ich glaube das ist eins meiner größten Probleme“, fängt sie dann doch an. „Ich rede ohne nachzudenken. Ich gebe immer meinen Gefühlen nach. Manchmal, oder vielleicht eher oft, bekommt mein Gegenüber sie dann in den falschen Hals. Scheiße…“

„Ist alles okay. Ich hab einfach eine Weile gebraucht. War ja jetzt auch nicht so schlimm…“
„Oh doch. Also nicht das mit dir. Aber ich habe jemanden kennengelernt. Bei dem ist das genau so schief gegangen. Ich verzweifle langsam echt an mir.“

Er schaut sie fragend an. Sie kniet sich vor ihm hin und fängt an zu erzählen. Schnell und durcheinander. Aber er folgt jedem ihrer Worte aufmerksam. „Ich sage dir“, schließt sie, „ich habe mich ewig nicht mehr so gefühlt. Richtig Schmetterlinge im Bauch. Voll Schiss was falsch zu machen. Ich hasse dieses Gefühl. Ich komme mir richtig doof dabei vor und ich will ihn am liebsten vergessen. Aber ich weiß einfach nicht wie ich das anstellen soll. Meine Güte, wenn er doch wenigsten nicht so wahnsinnig sexy wäre!“

Sie rollt mit den Augen, verschränkt die Arme vor der Burst und schaut den Wikinger erwartungsvoll von unten an.

„Wow“, setzt er an. „Du bist echt verknallt, oder? Das ist doch toll! So kenne ich dich gar nicht. Ich finde, du solltest das alles nicht so schwarz malen.“ Er nimmt einen großen Schluck von seinem Bier. „Wenn er dich wirklich so toll findet, wie es dir am Anfang vor kam, dann wird er sich schon melden. Jeder hat mal ne stressige Phase im Leben. Auch du bist da kein Wundermittel gegen. Also lass ihm einfach Zeit.“

Sie streckt dem Wikinger die Zunge raus.

„Ich habe auch eine kennengelernt. Vielleicht war das auch noch ein Grund warum ich mich länger nicht gemeldet habe.“

„Ja? Wie ist sie so? Und seht ihr euch noch?“ Sie legt sich wieder auf die Matratze.

„Ziemlich cool. Wir haben uns gut verstanden. Aber dann kam es wie es immer kommen musste. Sie wurde irgendwie so anhänglich. Ich hab mich dann einfach nicht mehr bei ihr gemeldet.“

„Das ist oberfies von dir“, sie wirft ihm einen bösen Blick zu. Muss dann aber doch lachen.

„Ich weiß. Mir ist es aber irgendwie sowas von egal. Eigentlich sollte ich mich schlecht fühlen, da ist aber nichts. Ich hab dir das schon oft gesagt – es ist diese Stadt, die einen zum kalten Egoisten werden lässt. Oder zum verzweifelten Geist deiner selbst. Oder beides im Wechsel. Dich nehme ich davon nicht aus. Du bringst sowas doch auch andauernd. Alles nehmen. Und dann wegwerfen. Keine Konsequenzen. Keine Kompromisse. Das ist genau mein Stil. Das ist genau unser Stil. Mit dem Unterschied, dass ich mich nicht darüber wundere.“

„Deine Sache“, sagt sie. „Du bist ein echtes Arschloch. Wir sind Arschlöcher. Alle anderen auch. Wir verarschen und ständig selbst. Aber ich bin wirklich verrückt nach dir.“

Der Wikinger zündet sich jetzt auch eine Zigarette an.

„Weißt du, was ich an dir schätze?“, fängt er an, nachdem er sie die ersten drei Züge schweigend angeschaut hat. „Mir dir kann ich offen über sowas reden. Über alles reden. Wir sind uns ziemlich ähnlich. Das finde ich gut. Wie zwei Magneten. Ich liebe unsere Gespräche echt. Ich liebe es, dass wir uns Wochen nicht sehen, ohne das einer die Krise bekommt. Außerdem: wenn du mich küsst, dann ist da tatsächlich so ein Kribbeln. Ich bin unglaublich gerne mit dir zusammen.“

Sie legt sich auf die Seite und blickt ihm in die Augen. „Bist du sicher, dass du das gerade alles so sagen wolltest?“

Er lacht und fügt hinzu: „Und es gibt einfach nichts das ich lieber tue als dich zu ficken!“ Dann schmeißt er die Zigarette in den Plastikbecher. Sie rutscht zur Seite, als er zu ihr auf die Matratze kommt.

Sie wechseln einen kurzen, verschworenen Blick.

Dann hat er schon nach ihren Haaren gegriffen und sie ruckartig umgedreht. Schell und unsanft zieht er sie aus. Sie dreht sich zurück auf den Rücken und wirft ihm einen herausfordernden Blick zu.

„Jetzt lachst du noch“, sagt der Wikinger.

„Vergiss es“, sagt sie, dann presst er seine Lippen hart auf ihre. Sie spürt seine raue Hand an ihrem Hals, den er langsam überstreckt. Mit der anderen Hand zieht er sich ebenfalls schnell aus, um dann sein ganzes Gewicht auf ihren Brustkorb zu verlagern. Erst als ihr Atem schon rasselt, lässt er von ihr ab.

„Vergiss es“, sagt sie wieder. Sie weiß, dass sie ihn damit nur noch aggressiver macht. Sie lächelt noch immer, als er sich auf ihre Schultern kniet.

Als ihr die erste Träne über die Wange rollt lässt er von ihr ab. Das fällt ihm schwer, sie weiß es genau. Sie rollt sich unter ihm hervor und auf ihn drauf. Mit ihren Händen drückt sie sich von seiner breiten Brust nach oben ab. Sie dreht den Kopf zur Seite. Der Blick aus dem Fenster erinnert sie wieder an die Stadt, die sie so hat werden lassen. Oder waren sie schon immer so? Ein dreckiger Lichtsaum nimmt die Sicht auf die Sterne.

Einen Augenblick verharrt sie in dieser Position, dann wischt sie sich die Tränen aus dem Gesicht und schaut ihn an.

„Wann geht dein Flieger?“

„Um 6 Uhr morgen früh“

Noch vier Stunden. Sie beugt sich zu ihm herunter und küsst ihn sanft. Dann flüstert sie in sein Ohr. „Die Erinnerung an das, was jetzt passiert, wird dir im Urlaub den Spaß an jeder anderen Frau nehmen, weißt du das?“

„Oh Gott, ich weiß du Miststück“, ist das letzte, was der Wikinger noch hervorbringen kann.

„If you want to hold me, hold me down. I´ll need a little room to sway. You hold me anyway. All my life, well I can´t take you on my own.“

 

 

Kursiv: „Burgundy“ von WARPAINT

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