Funken

„Ich hätte gern diese Schnecke von gestern“, hört sie den Typen mit dem Basecap noch sagen, dann ist sie schon aus dem Spätkauf raus gegangen.

Draußen zündet sie sich eine Zigarette an. Sie schaut nach oben. Blaue Stunde. Der Wind treibt die Bäume dichter zueinander. Und wieder voneinander weg. Es rauscht warm. Ihre Nasenspitze ist trotzdem schon ein bisschen kalt. Laub weht um die Füße. Wie schnell es wieder ging.

Sie lässt das Feuerzeug in der Tasche klicken. Irgendwann zünde ich mir damit noch die Jacke an, denk sie. Die Funken kitzeln in der Hand.

Sie setzt ihren Weg fort, da vibriert es in der anderen Jackentasche. Die Musik auf ihren Kopfhörern verstummt. Sie drückt auf der kleinen Taste am Kabel, ohne zu wissen wer anruft geht sie ran. „Ja?“

„Hey du, ich bins. Hatte eigentlich damit gerechnet das du dich bei mir zuerst meldest!“ Vorwurfsvoll dröhnt die Stimme am anderen Ende auf beiden Ohren. „Warte kurz“, sagt sie, zieht das Kopfhörer-Kabel vom Telefon ab und hält es sich normal ans Ohr.

„So jetzt.“

„Jetzt hörst du dich anders an.“

„Hatte Ohrstöpsel drin.“

„Bist du unterwegs?“

„Ja, nich wild. Schön, dass du anrufst“, sagt sie und zieht an der Zigarette während sie an einem beleuchteten Barfenster vorbeigeht.

„Ich dachte ja eigentlich du rufst durch, wenn du wieder in der Stadt bist“, setzt das andere Ende seine Predigt fort.

Sie will lachen, aber verschluckt sich. „Sorry. Ja. Hatte ich vor. Mir ist schon wieder Kram dazwischen gekommen.“

„Naja, egal. Wie geht es dir?“

„Soweit so gut.“

„Oh Gott. Was ist passiert?“

„Es wird Herbst. Hier liegen schon wieder ein Haufen Blätter rum. In der Stadt zieht es wie Hechtsuppe. Aber die Luft ist so schön.“ Bei diesen Worten setzt sie sich auf den Rest von dem, was früher mal eine Bank war. Am Kanal zieht der Wind noch ein bisschen stärker. Aber sie hat mittlerweile die Kapuze aufgesetzt und fühlt sich nicht davon gestört.

„Also ist alles wie immer nur älter?“ Das andere Ende wirkt skeptisch.

„Alles wie immer. Nur älter. Wieder bald ein Jahr geschafft. Was haben wir eigentlich gemacht?“ Sie klemmt das Telefon zwischen Schulter und Ohr und fängt an sich eine weitere Zigarette zu drehen.

„Mit dem Rauchen haben wir wohl nicht aufgehört…“ Dem anderen Ende ist das Klicken des Feuerzeugs nicht entgangen.

„Ach, hör auf. Ich hab es ja doch mal irgendwann geschafft. Und dann passiert immer irgendwas. Dann war ich raus“

„Bei dir passiert immer wieder irgendwas. Und dann bist du immer raus“, stellt das andere Ende klar. „Ich mach dir bestimmt keinen Vorwurf, aber du machst es dir auch einfach.“

„Mir ist gerade nicht so nach Moralpredigt“, flüstert sie.

„Warum flüsterst du?“

„Gleich ist das Licht weg.“
„Schau mal genau hin. Da steht mit Sicherheit die ein oder andere Laterne, oder?“

„Nicht hier“, sagt sie. „Genau hier gibt es einfach keine. Schon komisch.“
„Steh auf und geh ein Stück“, empfiehlt ihr das andere Ende.

„Ich kann nicht. Ich glaube ich möchte eine Weile hier in der Dunkelheit sitzen bleiben und schauen was passiert. Ich kann die Lichter in der Ferne sehen und sie blenden ganz unangenehm.“

„Bleib nicht zu lange sitzen.“
„Versprochen. Ich denk an dich. Bis bald.“ Sie legt auf.

Der Basecap-Typ mit der Streuselschnecke vom Vortag geht zufrieden schmatzend an ihr vorbei.

Sie steckt sich die Kopfhörer wieder in die Ohren und drückt Play.

„And if you´re in love, then you are the lucky one. ´Cause most of us are bitter over someone. Setting fire to our insides for fun. To distract our hearts from ever missing them. But I´m forever missing him.“

 

 

Kursiv: „Youth“ von DAUGHTER

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