Heimat

Nächste Station auf der Reise zurück. Zu den Menschen die sie am längsten kennen. Die sie schon damals geliebt haben, als sie sich selber nicht lieben konnte. Die geblieben sind. Die Wenigen. Die immer da sind. Egal was passiert. Für die es sich lohnt da zu bleiben. Egal was passiert.

Heimat.

Selten schafft sie es an diesen Ort. Nicht nur wegen der Entfernung. Sie denkt oft an die Menschen die hier auf sie warten. Schon so lange. Und sie werden nicht müde. Aber es gibt noch so viel zu erledigen.

Umarmungen die länger dauern als mit Anderen. Umarmungen die so lange dauern, dass es für Außenstehende verdächtig vertraut aussehen muss.

Lange Tafel, gutes Essen, Lachen. Wie früher. Alles hat sich geändert, aber alles ist geblieben.

Das Herz springt auf.

Die Seele heilt.

„Bleib doch einfach“, sagen sie.

„Hier bist du immer Zuhause“, sagen sie.

„Wir vermissen dich“, sagen sie.

Sie denkt an ihren Job. An das Leben in der Ferne, an all die Dinge die ihr noch so wichtig sind.

„Es geht noch nicht“, ist ihre Antwort. Schon so lange.

Es geht noch nicht. Jetzt. Die Zeit ist nicht reif, das spürt sie. Aber sie merkt auch, wie sie ganz langsam näher rückt. Jedes Mal wenn sie hier ist, ein winziges Stück. Vielleicht erleben wir diesen Moment irgendwann doch einmal. Alle zusammen.

„Du weißt wir müssen weiterziehen. Und es schein, als wären wir leuchtende Buchstaben über der Stadt.“

Alte Geschichten landen immer auf dem Tisch. Begleitet von einem Lachen das von ganz tief innen kommt. Wie war das nochmal? Erinnerst du dich auch? Sie erinnern sich an alles.

Alte Geschichten, die das Herz erwärmen, die das Herz schmerzen lassen.

In der Heimat bleibt die Zeit nicht stehen. Aber sie wird immer mitgenommen.

„Immer wenn ich diesen Baum sehe, muss ich an dich denken.“

„Ich muss dir noch was zeigen.“

„Hier ist gerade nicht aufgeräumt. Aber eigentlich egal, du gehörst ja zur Familie.“

„Ich wollte dich noch um deinen Rat fragen.“

Dankbarkeit macht sich langsam in ihr breit.

„Ich entschuldige mich für alles, was ich in Trümmern hinterließ. Aber nicht für meine Bildung. Und nicht für dieses Lied.“

Die Tage vergehen wie im Flug. In den Pausen blitzen kleine Funken zwischen ihnen. Hier ein Satz, dort eine Geste. Sie ertrinkt fast in dieser Liebe. Sie streckt sich aus, in dem Gefühl der Sicherheit. Schläft so gut wie nie. Sie blickt oft nach oben und verspürt zum ersten Mal nicht den Wunsch in einem der vielen Flugzeuge zu sitzen, die die Wolken verbinden als wäre es Malen nach Zahlen.

Doch irgendwann ist wieder die Zeit des Abschieds gekommen.

„Komm bald wieder“, sagen sie.

„Wir kommen bald zu dir“, sagen sie.

„Ich bin so froh dich zu haben“, sagen sie.

„Ich denke so oft an dich“, sagen sie.

„Du wirst uns fehlen“, sagen sie.

„Du kannst immer her kommen, egal wann und egal was ist“, sagen sie.

Und: „Ich liebe dich!“

„Es ist ein gutes Gefühl. Zu sagen, wir kennen uns noch in zehn Jahren. Es leuchten Buchstaben über der Stadt.“

Als sie das Ortsschild passiert, an dem sie in ihrem Leben schon hunderte Male vorbeigefahren ist, blickt sie noch einmal in den Rückspiegel. Der Himmel strahlt, so wie er nur hier strahlt. Ein Kloß sitzt im Hals. Eine Träne sucht ihren Weg in die Freiheit. Fast wie sie. Doch solange sie den Weg nicht gefunden hat wird sie immer diese Straße nehmen müssen.

Sie dreht das Radio lauter.

„Ich gehe ohne Reue. Ich gehe ohne Furcht. Ich werde allen davon erzählen. Und alle werden verstehen.“

 

 

Kursiv: „Was den Himmel erhellt“ von TOMTE

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