Im Kreis

am

Es sieht so aus, als würde es sie immer wieder an die alten Schauplätze zurück ziehen. Sie hält die Hand gegen die Stirn, um in der grell leuchtenden Sonne etwas zu sehen.

Plant der Kopf solche Reisen unterbewusst?

Ihr Kopf – Reiseveranstalter für Klettertouren durch die Canyons der Herzenssteinbrüche.

Sie schaut dem weißen Roß zu, wie es immer im Kreis fährt und schließlich  langsamer wird. Irgendwann bleibt es mit einem Rucken stehen. Sie schmunzelt. Aus den Boxen kommt musikalische Untermalung von Adele. „Somebody like you.“ Wie sarkastisch.

Erlebnisreisen. Expedition ist Innerste. „Herzschmerz? Liebeskummer? Wir bringen sie an die spektakulärsten Schauplätze der 1.000 dramatischsten Liebesdramen“, würde in Neonschrift auf der Seite des Reisebusses stehen.

„Eine Runde dabei sein, eine Runde frei sein und die nächste Runde rückwärts. Alles einsteigen, wer hat noch nicht, wer will nochmal“, dröhnt es jetzt aus den Lautsprechern. Ein kleines Mädchen in einem rosa Tüll-Kleid klettert auf das Pferd. „Halt dich bloß gut fest“, denkt sie.

Dann dreht die Musik wieder voll auf. „Come back and stay for good this time“, jammert Paul Young.

Als gäbe es nicht genug Auswahl bucht sie immer eine Reise zu Plätzen die sie schon lange hinter sich gelassen hatte.

Sie zieht die Beine an den Körper. Lehnt sich zurück gegen die Lehne der weißen Bank.

Der Ritter legt seinen Arm hinter ihr auf der Lehne ab. Fast kann sie ihren Kopf auf seine Schulter legen. So sitzen sie da. Starren auf das Karussell.

Das Sonnenlicht lässt schließlich ab von ihrem Gesicht und versteckt sich hinter den obersten Blättern der Bäume. Sie könnte sich jetzt reinsteigern. Tut es aber nicht. Sie genießt das vertraute Gefühl. Das Herz pocht in seinem gewohnten Rhythmus. Sie drückt auf den blauen Flecken auf ihren Beinen herum. Ob er wohl auch welche hat? Darum kümmert sich jemand anderes.

Ein paar Stunden später sitzt sie auf seinem Beifahrersitz. Das Auto steht vor ihrer U-Bahnstation, von der aus sie zurück zum Hotel kommt. Keine Burggräben. Keine Dornenhecken.

„Du, ich weiß das klingt jetzt komisch“, beginnt sie. „Aber egal was ist, egal was wir machen, ich werde immer das Verlangen haben mit dir zu schlafen. Das ist jetzt noch harmlos ausgedrückt…“

Der Ritter grinst verlegen. Legt seine Hand auf ihren Oberschenkel. „Vielleicht rede ich jetzt besser nicht weiter“, sagt sie. Schaut weg. Langsam und schüchtern streichelt er ihr Bein. Immer weiter nach oben. Dann nimmt er die Hand schnell weg. Als hätte er sich verbrannt. Sein Blick wird traurig. Doch ihr entgeht nicht das Blitzen in seinen Augen. „Fangen wir nicht wieder solche Spiele an“, sagt sie. „Beim nächsten Mal“, sagt der Ritter. „Wir sind zu gut in sowas“, erwidert sie.

Er lacht. Sie lacht auch. Sie schauen sich an.

„Danke für alles.“ Sie beugt sich zu ihm herüber, gibt ihm einen Kuss auf die Wange und umarmt ihn. „Nicht dafür“, sagt er.

Dann steigt sie aus.

„Easy. Easy. Pull out your heart to make the being alone. Easy. Easy.“

 

 

Kursiv: „Easy“ von SON LUX 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s