Wer kann, der geht – Part 2

Niemand ist zu sehen. Die Straße ist leer. Nicht mal die Vögel sind schon wach. Die Luft riecht nach Aufbruch.

Sie schmeißt die Tasche in den Kofferraum, steckt das Shirt nochmal neu in die Hose und steigt ins Auto ein.

Kurzes Gefummel mit dem Ladekabel, dann schmeißt sie das Telefon in den Fußraum. Sie braucht es nicht. Sie kennt den Weg. Alles still. Dunkelheit. Zündung. Licht an. Ausparken. Weg.

„It’s never too late, to be who you wanna be, to say what you wanna say.“

Der Tacho zeigt 140 km/h an. Sie kramt nach der Sonnenbrille. Die Sonne geht gerade auf. Die nächste Raststätte muss sie anfahren. Zeit für eine weitere Vignette. Zeit für eine Zigarette.

Der Parkplatz völlig überfüllt. Sie bläst den Rauch langsam aus den Nasenflügeln. Beobachtet die anderen Autos. Niederländer, Belgier, Italiener, Schweden, Tschechen, Polen, Franzosen, Engländer. Ein halber Kontinent auf einem Parkplatz versammelt. Irgendwie gehört sie auch dazu. Auch wenn sie nicht so aussieht.

Acht Stunden später sitzt sie auf dem alt bekannten Badezimmer-Fußboden. Zuhause ist weit weg. Zuhause ist irgendwie auch hier. Die Fliesen sind warm. Das Licht ist warm. Alles hier ist warm. Das Land ist warm. Die Menschen sind warm. Ihr ist kalt.

In der Hand das Telefon. Die Nachricht schon geschrieben. „Ich sitze hier, in dem Land über das wir sprachen. Unseren Schnaps im Blut. Ich musste an dich denken. Ich muss immer an dich denken.“ Nur einen Knopfdruck entfernt. Sie macht das Telefon aus und geht wieder zu den Anderen. Herzensmenschen. Tage vergehen und da ist wieder mehr Glück im Herz als irgendwas anderes.

Tage später. Im Auto. Noch mehr Kilometer. Ein weiterer Sonnenaufgang. Die Luft wird immer wärmer. Sie fährt das Autofenster automatisch bis ganz unten. Rauschen in den Ohren. Die Seitenspiegel reflektieren. Kleine Lichtpunkte tanzen durch den Wagenhimmel. Gänsehaut.

Bei Sonnenuntergang sitzt sie auf der Terrasse. Meerblick. Das Gesicht von der Sonne noch heiß glühend. Prost.

„Is grad echt alles komisch. Ich bekomm sogar schon Altersflecken“, seufzt sie.

„Das sind Sommersprossen, du Knalltüte!“

Herzensmenschen. Das Glück überrauscht wieder.

Weiter fahren. Immer weiter weg. Bis keine Herzensmenschen mehr übrig sind. Bis sie angekommen ist. Ende der Welt. Ende. Im Gepäck ein Haufen Glücksgefühle. Ein großer Haufen Liebe.

Sie sitzt auf einem Felsen. Kann die Schafe hören, die irgendwo in der Dunkelheit durch die Büsche springen. Grillen zirpen. Über ihr der Sternenhimmel. Die Art von Sternenhimmel, die man sonst nicht zu sehen bekommt. Frei von allem. Kleine und große, strahlende Punkte. Sie zieht die dünne Decke weiter über ihre mittlerweile gebräunten Schultern und lehnt sich zurück. Sternschnuppen ziehen immer wieder durch das Bild. „Wünsch dir was“, denkt sie. Macht es dann lieber doch nicht.

Die Wellen schlagen laut gegen die Felswände. Das Meer zischt ihr zu.

„It’s never too late.To leave if you wanna leave. Or to stay if you wanna stay.“

„Musste gerade an dich denken“, schreibt sie und schickt es sofort ab. Hängt noch ein Foto an, von dem was sie gerade sieht.

„Es zerreisst mir das Herz, so sehr vermisse ich das“, kommt sofort zurück.

Miles in between us. Is this love or lust or some game on repeat? It´s like making me crazy. Tell me, „have patience“, baby, I need this.“

Sie trinkt den letzten Schluck aus der Bierflasche. Ein letzter Zug an der Kippe. Ein letzter Blick nach oben. Wieder Sternschnuppe.

Dann kriecht sie in ihr Zelt. Schläft sofort ein. Zum ersten Mal seit langer Zeit.

 

 

Kursiv: „Summer Bummer“ von LANA DEL REY

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