Wer kann, der geht – Part 1

Vor ihr leuchtet es plötzlich grellrot auf. Sie erschrickt. Tritt heftig auf die Bremse. Im letzten Moment. Sekunden später legt sich der Schleier wieder vor ihre Augen. Sie versinkt zurück in die dumpfe Welt aus Stille.

Irgendwann hat sie es bis nach Hause geschafft. Kann sich nicht mehr erinnern wie. Ihre Schuhe hat sie auch ausgezogen. Aber wann? Sie sitzt auf dem Sofa, starrt an die Decke. Den Fernseher einzuschalten kostet zu viel Kraft. Selbst der Gedanke daran ist so anstrengend, dass sie ihn kaum bis zu Ende denken kann.

Sie lauscht den Geräuschen im Haus hinterher. Irgendwo summt eine Spülmaschine. Leise Radiogeräusche dringen auf dem Hof herein. In der Wohnung über ihr läuft einer über knarrenden Holzfußboden. Gerne wäre sie jetzt da oben. Vielleicht könnte sie dort auf dem Sofa liegen, ein langweiliges Gespräch anfangen. Dann nach Hause gehen, mit dem Gefühl irgendetwas getan zu haben.

Die Nebelwelt bekommt kleine Risse. Gedanken schleichen sich wieder ein. Gedanken die sie nicht denken kann ohne Druck auf der Brust, einen Kloß im Hals. „Entspann dich mal. Das geht mir alles viel zu schnell!“ Die Worte dröhnen in ihrem Kopf. Sie dreht sich angeekelt auf die Seite. Stille.

An ihrem Bein juckt ein Mückenstich. Ein kleines Zeugnis von der Zeit als noch alles in Ordnung war. Nicht lange her. Eine gefühlte Ewigkeit. Auf dem Herd noch das Essen, das sie gestern gekocht hat. Es wird schlecht werden. In drei Tagen wird sie es entsorgen.

Am nächsten Morgen steigt sie wie immer früh ins Auto. In der Nacht hat es geregnet. Die Luft riecht frisch. Die Stadt ist abgekühlt. Sie fühlt sich taub. War die Ampel eben grün? Sie weiß es nicht.

„Gehen wir heute zusammen zum Mittag?“

„Danke, ich war schon.“ Eigentlich hasst sie es zu lügen.

Die Zeit steht.

Am nächsten Tag steht sie wieder früh auf. Wochenende.

Ziellos streicht sie durch die vertrauten Straßen. Alles sieht so anders aus. Vor einer Tiefgaragen-Einfahrt bleibt sie stehen. Kühle Luft zieht aus dem dunklen Loch zu ihr herauf. Sie steht einfach da. Steht. Lauscht wieder. Nichts. Die Stadt wirkt wie ausgestorben. Hochsommer. Wer kann, der geht. Sie bleibt so lange stehen bis sie Gänsehaut bekommt.

„When I see you, I will drown. When I´ll see you I fall down.“

„Ich kann dir das jetzt nicht geben. Ich hoffe du verstehst“, klingt es in ihrem Kopf.

Sie kann es verstehen. Das ist das schlimmste daran.

 

 

Kursiv: „Plume“ von CRISTALLIN

 

 

 

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