Bum Bum

am

Die süße Schale knackt kurz, dann gibt sie fast schon cremig nach. „Geil, schmeckt immer noch wie früher“, denkt sie und leckt die klebrigen Splitter aus den Mundwinkeln. Zuckersüß. Das Eis leuchtet knallrot im Abendlicht. Der blaue Stiel, das beste zum Schluss, erinnert noch immer an Sommer auf dem Dorf. Sie zieht ihr Shirt zurecht. Sie lässt die Beine baumeln. Sie schaut den Autos auf der Hauptstraße zu. Ab und zu läuft jemand an ihr vorbei. „Das muss ein schönes Bild sein“, denkt sie sich und grinst.

Von rechts kommt wieder einer an. Weißes Shirt, Basecap. Arme und Hände zugehackt. Lässig kommt er ihr entgegen. Seine goldene Uhr am Handgelenk glänzt. Sofort dreht sie den Kopf in die andere Richtung. Weil sie noch mehr grinsen muss. „Was ist denn da los?!“, denkt sie und schimpft ein bisschen mit sich selbst. Dann dreht sie sich wieder um. Der Tätowierte kommt näher, grinst auch.

Sie hüpft von der Mauer und geht auf ihn zu.

„Wow, hey“, sagt er.

„Hey“, sagt sie ebenfalls.

Das Herz schlägt ihr bis zum Hals. Er berührt ihren Arm. Kleine, kalte Ameisen veranstalten in ihrem Nacken ein Wettrennen.

Als hätte sie alle Erlebnisse des letzten Jahres an der Kneipentür zurückgelassen, sitzt sie ein paar Stunden später mit dem Tätowierten auf einem knautschigen, alten Ledersofa. Sie ertrinkt fast in seinen Augen. Mit jeder seiner Berührungen raubt er ihr den Versand ein Stückchen mehr.

Zuckersüß.

Zu viel des Guten.

Sie will aufspringen und wegrennen. Doch dann beugt sie sich ihm doch nur ein Stück entgegen und sie küssen sich.

Sie weiß nicht, was sie mit sich anfangen soll.

Sie denkt kurz an die Ehrliche. Dann überlegt sie, wie spontan man wohl beim Standesamt sein kann. Dann muss sie wieder lachen und nimmt einen Schluck von ihrem Bier.

Der Tätowierte grinst ebenfalls die ganze Zeit. „Ich bin krass erleichtert. Küssen ist so wichtig. Da kann man so viel falsch machen …“

„Du machst alles sehr richtig.“

„Du auch.“

Ihre Gedanken schweifen wieder ab. Sie versucht, die Situation einzuordnen.

Hier sitzt sie also. Mit einem wahr gewordenen Traum von Mann. Einem, der ihr aus der Seele spricht und dabei noch ein bisschen verrückter ist als sie. Einem, der ihr den Atem nimmt und ihr bei jeder Berührung den Verstand raubt. Einem, der sie alles um sie herum vergessen lässt.

Gefährlich. Egal.

„Du und kein anderer“, will sie ihm ins Gesicht schreien. Sie küsst ihn lieber nochmal. Eine kleine Ecke des Gehirns funktioniert anscheinend noch.

„Ich steh total auf dich“, sagt der Tätowierte.

Sie kann nichts sagen. Sie kneift sich heimlich unter dem Tisch ins Bein.

Verknallt sein. Schmeckt immer noch wie früher. Herzklopfen. Zuckersüßer Geschmack auf der Zunge.

„Wer hoch steigt, der kann tief fallen“, denkt sie, als sie sich die unzähligen Treppen in seine Wohnung hinaufschleppen. Es ist spät geworden. Auf dem Herd wartet noch Auflauf. Auch beim Essen kann man grinsen.

„Ich will dich“, flüstert sie.

Er versinkt mit seinem Gesicht zwischen ihren Beinen. Die Straßenlaternen weit unter dem Fenster sind das einzige Licht, das die Szene beleuchtet. Sie greift nach dem Kissen. Will die Nachbarn nicht wecken. Zwecklos.

„Hands down, I´m too proud for love. But with eyes shut, it´s you I´m thinking of.“

Zuckersüß. Klebrig. Ihr kommen die Tränen. Das Herz pocht bis zum Hals. Noch höher. Sie könnte es ihm sofort vor die Füße spucken. Sie schluckt. Die Tränen kullern. Augen treffen sich. Münder suchen sich.
„Hieran will ich mich für den Rest meines Lebens erinnern“, denkt sie. Dann knackt die süße Schale.

 

 

Kursiv: „Little bit“ von LYKKE LI

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s