Pailletten

am

„Ich habe letztens irgendwo gelesen, dass Festivalbesucher heute mehr Wert auf die passende Flechtfrisur und das Glitzer-Tattoo am Arm legen, als auf die Party“, sagt sie und nimmt noch einen Schluck vom Rosé.

„Ach, papperlapapp“, sagt die Ewige „Gib mir mal den Waschlappen“ und dann drückt sie ihn fest auf das weiße Papier auf ihrer Stirn.

„Ihr seht wundervoll aus“, ruft sie, als alle drei vor dem Spiegel stehen und ihre glitzernden Meisterwerke auf ihren Körpern verteilt bewundern. „Und du siehst rattenscharf aus in deinem neuen Fummel“, ruft die Wissende lachend.

„Machen wir die Flasche noch leer, oder nehmen wir die mit?“ „Die nehmen wir mit“ „Na dann, ich hab mein Handy, Geld und den Schlüssel. Los gehts“

„Ach kommt, lasst uns ein Taxi nehmen. Den Spaß gönnen wir uns heute“, sagt die Wissende.
„Heute gönnen wir uns alles!“ sagt die Ewige.

Als sie über eine Brücke laufen ist sie der Wissenden dankbar für die Regenschirme, die sie eingepackt hat.

„Ich hatte noch nie so einen nassen Geburtstag“, sagt sie. „Nur einmal, als am Ende der Schnitzeljagd zu meinem vierten Geburtstag die Schatztruhe geplündert war. Da hat es auch geregnet. Das war schrecklich!“

„Aber heute ist uns das herzlich egal“, sagt die Wissende und packt ihren Regenschirm wieder in die Tasche.

„Hast du die da drüben gesehen?“ fragt die Wissende. „Die oben ohne?“ „Ja, genau die. Ich würde ihr gerne sagen, dass ich das voll mutig von ihr finde. Und voll gut.“ „Dann mal los“, lacht sie. Die Musik dröhnt in ihren Ohren. Der Regen sorgt für Abkühlung. Die Hitze der tanzenden Menschen um sie herum lässt ihn als Nebel umher wandern.

Jetzt schaut sie sich um. Zum ersten Mal seit bestimmt einer halben Stunde. Kurz ist sie zurück in der Realität. Strahlende Gesichter. Lachende Augen. Nackte Haut und Regenjacken. Hohe Schuhe, flache Schuhe, keine Schuhe. Sektflaschen. Bierflaschen. Konfetti und Glitzer und Pfützen. Der Zug der Liebe.

Ein Typ in Regenjacke schaut ihr direkt in die Augen. Er läuft schnell, schon ist er in der Menge hinter ihr verschwunden. „Pech gehabt“, denkt sie und nimmt einen Schluck aus der Rosé-Flasche.

„Hey“, schreit sie dem Ordner an der Absperrung zum Wagen ist Ohr „Die da oben sieht mich nicht. Kannst du ihr später bitte mal sagen, dass sie wunderschön aussieht?“

Er grinst sie nickend an.

Die Haare der Ewigen sind klitschnass, als sie zu ihr kommt und sie sich in die Arme fallen. Ihre Gesichter glitzern jetzt doppelt. „Fühlst du das auch?“ „Ja!“ „Hast du die oben ohne gesehen?“ „Ja!“ „Magst du noch was trinken?“ „Ja!“

Die Antwort auf alle Fragen an diesem Abend.

Jemand tippt ihr auf die Schulter. Der Regenjacken-Typ. „Hey, ich dachte ich komm nochmal schnell zurück. Weil, du bist mir aufgefallen. Dein Oberteil… ich musste dich einfach ansprechen.“

„Komm wir ziehen auch einfach blank. Halt mal“, die Wissende drückt ihr die Flasche in die Hand. „Ach, scheiß drauf“, da hat sie die Handtasche der Ewigen in der anderen Hand.

„Was ist mit dir?“

„Heute nicht“, dabei schaut sie herunter auf ihr Oberteil. Glitzernde Steinchen. Funkelnde Pailletten. Lange Fransen an den Ärmeln. Die Wissende und die Ewige hatten es ihr vor ein paar Stunden stolz überreicht. Nein, heute muss sie nicht nackt sein um sich wohl zu fühlen.

„Alles gut bei dir?“ fragt sie die Ewige, während sie Arm in Arm dem dröhnenden Wagen vor ihnen folgen.

„Es könnte kaum besser sein!“ ist ihre Antwort.

„Ich fühle mich so frei! Alles ist schön! Das ist einfach ein perfekter Tag“, ruft die Wissende und kommt auf die beiden zugestürzt. Jetzt liegen sie sich wieder zu dritt in den Armen. Ein bisschen kitschig, ein bisschen sentimental. Die Welt steht ein bisschen still. Und ein bisschen sehen die Regenwolken aus wie Champagnerschaum.

Unzählige Male verlieren sie sich an diesem Abend. Wunderbarerweise finden sie sich immer wieder von alleine. Jeder schwimmt auf seiner eigenen Welle. Aber immer im gleichen Meer. Und wenn die Brandung kommt, dann stehen sie zusammen, wie auf einem großen Surfbrett oben auf der Schaumkrone.

Die Luft ist stickig, das Licht ist trübe. Sie sitzt auf einem großen Sofa in der Nähe der Bar. Sie versucht die Buchstaben auf ihrem Display zu entziffern. Gibt es auf. Drückt auf „Anrufen“

Eine verschlafene Stimme meldet sich. „Hey“, ruft sie laut „meinst du, du könntest vielleicht hier her kommen? Ich weiß gar nicht wo ich bin. Ich glaub ich muss ins Bett“

„Kannst du mir deinen Standort schicken?“ fragt der Wikinger.

Zwanzig Minuten später stehen sie alle auf der Straße, als zwei Scheinwerfer um die Ecke biegen.

„Du musst den Reißverschluss bitte aufmachen, ich komm da nicht dran“, sagt sie müde.

„Hattest du Spaß?“ fragt der Wikinger, als er ihr hilft das funkelnde Geburtstagsgeschenk auszuziehen. Kleine Pailletten rollen über den Fußboden. „Die muss ich morgen alle wieder annähen. Ich will nicht, dass irgendwas von diesem Abend verschwindet“, flüstert sie betrunken.

„Komm, ich trag dich ins Bett“, sagt der Wikinger und nimmt sie Huckepack.

Noch bevor sie sich ganz an seine Brust gekuschelt hat ist sie auch schon eingeschlafen. Und der Wikinger streichelt langsam über das kleine, goldene Herz in ihrem Augenwinkel.

 

 

Nicht kursiv: „Solstice – Original Mix“ von OC & VERDE

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