Glühwürmchen

am

Es ist kalt. „Warum ist es um diese Jahreszeit kalt?“, denkt sie. Die Heizung braucht sie gar nicht erst anschalten. Dicke Socken? Nicht übertreiben …
Sie krabbelt einfach unter ihre dicke Bettdecke.
Da klingelt das Telefon.

„Wie geht es dir? Wie ist es? Was machst du?“, fragt sie direkt los.
Das andere Ende fängt an, von Sonnenschein und Bootsfahrten zu erzählen. „Wir waren gestern angeln und dann haben wir ein kleines Lagerfeuer am See gemacht. Ich sage dir, ich bin selten so k.o. ins Zelt gefallen!“
Die Stimme am anderen Ende klingt nach Sommerabend. Nach dem Geruch von Grashalmen, die nach einem heißen Tag im Schatten der gerade untergegangenen Sonne abkühlen. Nach warmen Luftmatratzen auf kühlem, klarem Seewasser.
„Erzähl, wie sieht dein Sommer aus? Sind deine Haare schon ausgeblichen?“, fragt das andere Ende dann.
Sie muss lachen. „Das passiert doch schon seit Jahren nicht mehr. Früher war ich nach der ersten Ferienwoche vielleicht schon weißblond“, sie stoppt kurz. „Früher war alles intensiver.“
„Ja, früher. Ich frage mich manchmal, was passiert ist.“
Beide schweigen. Sie kann ein leises Grillenzirpen im Hintergrund am anderen Ende hören. „Ich finde dein Sommer hört sich ziemlich genauso fantastisch an, wie er früher einmal war“, dabei schaut sie aus dem Fenster. Eine Frau auf der Straße spannt gerade ihren Regenschirm auf.

„Hier ist es gerade ziemlich trübe. Ich wäre jetzt auch gerne in den Ferien. Und in der Sonne. Ich vermisse sogar unbeschwerte Familienurlaube und stundenlanges Rumhängen mit Freunden in den Sommerferien, wenn man rein gar nichts zu tun hatte.“ Sie hofft, dass das andere Ende sie noch einen Moment das Grillenkonzert genießen lässt.

Es lässt sie. Dann raschelt es kurz. „Sorry, ich musste eben den Schlafsack loswerden. Zu heiß. Du, weißt du noch, wie sich das angefühlt hat in warmen Sommernächten auf dem Hügel bei den Bahngleisen zu sitzen und in der Dunkelheit heimlich Küsse auszutauschen? Und die Clique um einen herum hat immer so getan, als ob sie nichts mitbekommt.“
„Tja, obwohl wir alle so jung waren, wussten wir, wann es besser war, einfach mal die Klappe zu halten. Solche magischen Momente sind mit der Zeit immer seltener geworden.“
Es hört sich kurz so an, als ob das andere Ende aus dem Zelt gekrabbelt ist. Dann hört sie nur noch Stille. „Wann hast du dich das letzte Mal auf einem Hochsitz, an einem Windrad oder unter einer Brücke der Umgehungsstraße zum heimlich Knutschen verabredet?“, fragt sie dann.
„Als ich noch auf dem Dorf gewohnt habe. Also bevor der ganze Erwachsenen-Scheiß angefangen hat, glaube ich.“
Sie schluckt. „Ich glaube, damals war auch das letzte Mal, dass ich so richtig ohne jeden Zweifel verliebt war.“
Das andere Ende lacht. „Ja, das ist das Glück der Teenager. Das wird einem erst bewusst, wenn es vorbei ist. Wenn der Alltag mit seinen tausend Verpflichtungen kommt. Wenn man plötzlich Verantwortung für irgendwas oder irgendwen hat. Oder einfach mehr Verantwortung für sich selber.“
„Raus aus dem Nest und rein in die kalte Realität“, ergänzt sie.
„Ganz genau.“

„Ich wünschte, es könnte noch mal so sein wie früher“, sagt sie laut, obwohl sie es nur denken wollte.
„Nein. Heute ist alles noch genauso wie früher. Wir schauen nur nicht genau hin.“ Das andere Ende zündet sich jetzt eine Zigarette an. Sie kann das klicken des Feuerzeugs hören.
„Was siehst du gerade?“, fragt sie.
„Glühwürmchen. Und Schilf, das sich im Abendwind leicht zur Seite neigt. Und ich glaube, ich habe eben eine Fledermaus gesehen.“
„Du hast so Recht. Es ist alles wie früher. Wir müssen nur hinschauen.“

Dabei belassen die beiden es für dieses Mal. Nachdem sie aufgelegt hat, öffnet sie die Playlist auf ihrem Handy. Sucht eine Weile herum, dann stellt sie den Ton ganz laut, legt das Handy neben das Kopfkissen und dreht sich um.

„’Cause I’ll always remember you the same. Oh eyes like wildflowers, oh with your demons of change“

Und dann schläft sie ein.

 

 

Kursiv: „Keep your head up“ von BEN HOWARD

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