Atmen

am

„Hey. Nicht vergessen zu atmen! Einfach atmen. Es ist alles gut.“

Sie holt tief Luft. Wischt sich die Tränen aus den Augenwinkeln. Versucht unauffällig, die Nase hochzuziehen. Sie spürt den heißen Atem des Wikingers in ihrem Nacken, als er ihr zuflüstert: „Ein- und ausatmen. Dann geht es gleich wieder.“

Von hinten schlingt er seine starken Arme um sie. Sie liegen schwer auf ihren Schultern. Sie spürt seinen Bart an ihrer Wange. Es kratzt. Ganz weich. Sie riecht seinen unverwechselbaren Geruch. Saugt ihn ein. Schließt kurz die Augen. Fühlt sich wohl. Genießt.

„Meine Oma muss auch immer weinen, wenn sie so was sieht“, flüstert er ihr ins Ohr.

Sie dreht sich um. Da steht er vor ihr. Breites Grinsen im Gesicht.

„Ich hätte nicht gedacht, dass es mich so mitnimmt“, sagt sie. Noch immer glitzern kleine Tränen in ihren Augen.
„Das ist fantastisch. Ich find es total toll, dass wir das hier machen“, entgegnet der Wikinger euphorisch. „Danke, dass du mich mitgenommen hast.“ Er nimmt sie wieder in den Arm.

Hand in Hand gehen sie immer so lange weiter, bis es ihr wieder den Atem verschlägt. Bis sie wieder in Tränen ausbricht und er sie daran erinnern muss zu atmen. Dann bleiben sie stehen und fangen an zu philosophieren. Zusammen sehen sie Dinge, sie sie alleine nie so gesehen hat. Die wildesten Theorien entstehen. Die schönsten Geschichten werden zusammengedichtet.

Irgendwann werden sie vom Personal aufgefordert, das Museum jetzt zu verlassen. Feierabend.

„Ich hätte nie gedacht, dass wir mal so was zusammen machen“, fängt sie im Auto auf dem Rückweg das Gespräch an.

„Mit dir macht alles Spaß“, sagt der Wikinger. „Ich genieße das, was wir nachts so treiben. Aber von mir aus können wir auch öfter mal was am Tag zusammen machen.“

„Danke, dass du mitgekommen bist. Das war ganz gut, dass jemand dabei war. Ich glaube, es wäre mir ein bisschen peinlich gewesen, vor den ganzen alten Leutchen dauernd in Tränen auszubrechen …“

„Die sollten froh sein, dass jemand so Junges solche Emotionen für die alten Meister entwickeln kann!“, dabei nimmt er ihre Hand. Küsst sie.

„Lass uns noch ein Eis essen gehen“, sagt sie.

„Ich will zwei!“

„Mit meiner Exfreundin war so was immer Stress. So viele Bedürfnisse. So viele Erwartungen. Einfach mal den Moment so nehmen, wie er kommt, das war eine Seltenheit.“

„Seid ihr deswegen nicht mehr zusammen?“

„Unter anderem.“

„Siehst du mich als deine Freundin?“, fragt sie dann einfach.

„Nein. Mit dir ist alles wie Urlaub. Ich glaube, du willst gar nicht meine Freundin sein, oder?“, fragt er zurück.

Sie horcht ganz kurz in sich hinein. War da gerade ein Stechen in der Brust? Nein, es war das Herz, das einen Hüpfer gemacht hat.

Sie schauen sich kurz an. Keiner sagt etwas, bis ihr einfällt, dass sie ihm noch eine Antwort schuldet.

Sie fährt sich mit der Hand durch die Haare. Klaut ihm sein Eis. „Ich glaube, so, wie es gerade ist, finde ich es am besten. Ich möchte das bitte genau so lassen. Deal?“

„Deal“, sagt er und klaut sich sein Eis zurück.

„Kommst du noch mit zu mir?“, fragt sie dann.

„Auf jeden Fall.“

Die Fenster stehen weit auf. Warme Luft strömt herein. Sie hätten sich kühle Luft gewünscht. Sie dreht sich auf die Seite und schaut ihm in die Augen.

„Du musst morgen früh raus. Ich hab noch was zu erledigen“, sagt sie ernst.

„Okay, sehen wir uns dann später wieder?“
„Später hab ich ein Date“, sagt sie lachend. „Ich weiß gar nicht, ob ich da überhaupt Bock drauf habe“, fügt sie dann doch hinzu.

„Ich finde, du solltest es tun. Und wenn es blöd läuft, dann komm ich zu dir. Und wenn nicht, dann erzählst du mir übermorgen davon.“ Mir diesen Worten legt er wieder seinen starken Arm um sie, zieht sie näher an sich heran und küsst sie. Fordernd.

Kein Atmen hilft gegen die Art, wie er es schafft, ihr die Luft zu nehmen.

„Wir lieben uns, wie es in den Büchern steht. Erst gar nicht, dann seht, dann wieder gar nicht, danach noch mehr.“

 

 

Kursiv: „Wie es in den Büchern steht“ von HELGEN

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