Herzen

am

„Und was machen wir, wenn du aufgegessen hast?“ Der Unbekannte schaut sie erwartungsvoll an. „Keine Ahnung. Entweder uns fällt noch was Lustiges ein oder wir gehen einfach zu dir“, antwortet sie.

Sie prosten sich mit dem Späti-Bier zu.

Wochenlang schrieben sie sich hin und her. Serien, Musik, Alltag … Nichts ausgelassen. Ein vorzeigbarer, intelligenter und aufmerksamer Typ. Schwiegermamas Liebling. Ihr Warnsignal.

Unbekannt war der Unbekannte nur damals gewesen. Im Club mit der Ehrlichen. Als sie ihm zum Abschied ihre Nummer zusteckte.

Jetzt waren sie fast Vertraute. Immer wieder dieses Funkeln im Blick des anderen, wenn sich ihre Blicke treffen.

Eben stand sie noch inmitten ihrer Freunde in dieser Karaoke-Bar. Nach dem dritten Mal „Sie spielen unser Lied!“ konnte sie die anderen nicht mehr sehen. Ablenkung musste her. Der Unbekannte war gerade von einem Abendessen mit Freunden nach Hause gekommen. „Hier hat alles und jeder einen sitzen. Ich hab schrecklichen Hunger“ stand in ihrer Nachricht an ihn.

30 Minuten später stand der Unbekannte hinter ihr. „Dann lass uns gehen“, und er zog sie zur Garderobe.

Als sie aufgegessen hat, sagt der Unbekannte: „Ich wohn direkt um die Ecke.“

„Ich weiß.“

Auf dem Weg zu ihm nimmt er ihre Hand, als sie die Straße überqueren. Déjà-vu.

An seiner Haustür ein kleines aufgesprühtes Herz. „Niemals“, denkt sie und versucht sich den Weg durch den Hinterhof genau zu merken. Lästig, wenn man am nächsten Morgen dasteht und den Ausgang nicht mehr findet.

Die Wohnung liegt hoch oben und ist schnell überblickt. Studentenbude. Ein Zimmer. Das Bett nur zwei Schritte entfernt. Genauso schnell, wie sie auf dem Bett landen, sind auch die Klamotten ausgezogen. „Nimmst du eigentlich die Pille?“ Augenrollen. Er kramt in der Schublade nach einem Kondom.

So schnell wie plötzlich alles losging, war es auch schon wieder vorbei. Bevor sie „Was war denn das?“ denken konnte, fing er schon wieder an, in seiner Schublade zu kramen. Diesmal war es eine Schlafbrille, die zum Vorschein kam. Sie presst die Hand auf den Mund, um nicht laut loszulachen. Mit einem knappen „Gute Nacht“ dreht er sich auf die Seite und ist kurz darauf eingeschlafen.

Sie grübelt noch eine Weile darüber nach, was sie jetzt tun sollte. „Was machst du gerade?“ schreibt sie dem Wikinger. Keine Antwort.

Aufstehen und gehen? Die müden Beine und der schwere Kopf nehmen ihr die Entscheidung ab.

Sie wird geweckt vom grellen Sonnenlicht, das sich durch das große Fenster mitten in ihr Gesicht ergießt. „Cleverer Typ“, denkt sie, als sie ihre Sachen zusammensammelt. „Mach’s gut“, ein kleiner Kuss auf die Wange, dann ist sie schon im Treppenhaus.

Das Handy vibriert. „Stell dir vor, meine nächtliche Bekanntschaft war heute morgen nicht mehr da“, schreibt der Wikinger.

„Perfekt. Frühstück? Ich bin gleich da“, schreibt sie zurück.

Das pochende Herz, das der Wikinger als Antwort schickt, erreicht sie genau in dem Moment, als sie das Herz am Türrahmen passiert. Es leuchtet in der Morgensonne. Sie schaut es ein letztes Mal an. Obwohl sie auf Anhieb die richtige Tür erwischt hat, weiß sie, diese ist die falsche.

„I quite like you best when you care less. I quite like your tone. Love your song. Love you strong. When you play along. When I play along.“

 

 

Kursiv: „Quite Like“ von HER

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