Freiheit

am

„Our hearts just won´t die. It´s the trip, keeps us alive.“

Das einzige Licht weit und breit strahlt von den Scheinwerfern des Wagens hinaus in die Dunkelheit. Den Weg weisen ihnen Millionen Sterne, klar über ihnen funkelnd. Die Nacht ist still. Sie sind die Einzigen, die unterwegs sind. Endlos lange Straßen. Ein kühler Hauch wird von der Lüftung durch den Innenraum des Autos geblasen. Sie hat ihren linken Fuß auf dem Sitz abgestellt. Die Schuhe längst ausgezogen. Ein leichter Sonnenbrand kribbelt auf den Oberschenkeln. Sie schiebt die Brille mit dem Fensterglas wieder vor die Augen. Schaut kurz in den dunklen Rückspiegel. Dann liegen ihre Hände wieder ruhig auf dem Lenkrad.

So fahren sie seit Stunden. Ab und zu taucht ein großes, grünes Schild am Straßenrand auf. Der Lichtkegel beleuchtet die Städtenamen wie ein Spotlight. Ein kurzer Auftritt, es ändert sich nie mehr als die Entfernung. Die Namen der Städte kannte sie bisher nur aus Filmen. Aus Büchern. Aber sie sind genau jetzt genau hier. Dann ist das kurze Schauspiel schon wieder vorbei.

Wohin die Reise geht, hat sie längst vergessen. Doch hier ist niemand, den das interessiert. Vielleicht machen sie das alles nur für genau diesen Moment. Stille, Schweigen, Fühlen. Ab und zu unterbrochen vom Angebot, noch einen Kaugummi zu teilen. Für einen Schluck warmen Eistee aus dem Vier-Liter Kanister.

Sie macht die Lüftung aus und betätigt den elektrischen Fensterheber. Lässt das Fenster ganz herunter. Warme, satte Luft füllt den Innenraum des Wagens. Es riecht nach Wald. Nach untergegangener Sonne. Nach Abenteuer. Nach Vororten. Barbecue. Liegengebliebenem Spielzeug in der Auffahrt. Frisch gemähtem Rasen. Herzförmigen Sonnenbrillen. Erdnussbutter-Sandwiches. Drive-In Parkplätzen. Mixtapes. Nach Motelzimmern. Nach Eiswürfelautomaten. After-Sun Lotion. Einem blau und rot gestrichenen Klettergerüst. Leuchtend weißem Sand am Meer. Southern Comfort aus Plastikbechern. Billigen Zigaretten. Einwegkameras. Nach Angelshops und salzigem Popcorn. Nach Sand zwischen den Zehen und Salz auf der Haut. Frühstück auf lila gestrichenen Holzbänken in der Sonne. Sie schließt für einen Moment die Augen und genießt den Duft der Freiheit.

Dann schaut sie rüber zur Beifahrerin. Dem Teil ihres Herzens, der immer etwas schneller schlägt als der Rest. Der Kloß im Hals fühlt sich gut an.

Die Beifahrerin lächelt zufrieden. Sie müssen nicht reden. Es reicht, den kleinen feuchten Schimmer im Augenwinkel der anderen zu sehen, um zu wissen, dass alles gut ist.

„Weißt du noch, damals …“ werden sie später sagen. „Ich habe schon so viel von dir gehört …“ werden ihre Freunde sagen. „Es war alles wie im Traum“ – dieser Satz wird sie für den Rest ihrer Leben verbinden.

Wenn sie ankommen, wird der nächste Tag gerade frisch anbrechen. Sie werden auf einer langen Brücke über das Meer fahren, das von der Sonne wachgeküsst wird. Glitzernd. Dabei wird ihnen der Wind die Haare durch ihre Gesichter wehen. Sie werden die Musik laut aufdrehen. Mit einem Lachen in der Stimme jeden Song laut mitsingen. Die anderen Autos werden hupen, weil sie diesen Moment so langsam wie möglich auskosten müssen. Alles in sich aufsaugen. Bis das Herz endlich komplett aufbricht.

 

 

Kursiv: „The Trip“ von STILL CORNERS

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Emily J. sagt:

    Schöne Geschichte. Komme gerade von genau so einem Roadtrip zurück, gar nicht so einfach, danach wieder in die Realität zu finden!
    Liebste Grüße

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    1. Blaue Luft sagt:

      Liebe Emily,
      vielen Dank für dein Kommentar!
      Das ist ja das schöne an diesen Roadtrips. Sie holen uns raus, aus dem Alltag. Und dann lassen sie uns oft ganz schön nachdenklich zurück… Ich wünsche dir noch ganz viele solcher Abenteuer 😉
      Liebste Grüße zurück

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