Blicke

am

„Ich muss eh noch zum Briefkasten. Also, wenn du spontan bist, dann treffen wir uns vor deinem Haus und trinken noch ein Bier?“

Sie schickt die Nachricht ab und zieht die Handbremse an. Dann schmeißt sie die Autotür ein wenig zu fest zu. Gedankenverloren nimmt sie ihre Taschen und schaut links und rechts die Straße entlang, bevor sie sich dran macht, diese zu überqueren.

Da bleibt ihr Blick an einem Mann mit Hut hängen. Strohhut. Kurze Hose. Lässig kommt er ihr entgegen. Sie schaut ihn an. Schaut wieder weg und läuft über die Straße. Schaut wieder hin. Diesmal schaut er sie auch an. Wieder wegschauen, um nicht über die Bordsteinkante zu stolpern. Sie dreht sich zu ihm um. Er ist nun auch dabei, die Straße zu überqueren, sein Blick liegt aber auf ihr. Schnell dreht sie sich wieder um, muss grinsen. An ihrer Tür angekommen wirft sie ihm doch noch einen Blick zu. Ihre Augen treffen sich. Er bleibt kurz stehen. „Na?“, denkt sie und lächelt ihn an. Er winkt. Sie winkt zurück. Dann ist er hinter der Hauswand verschwunden. Langsam zählt sie bis zehn, dann schließt sie die Tür auf und geht rein.

Drinnen schiebt sie die Einkaufstaschen beim Ausräumen durch die Küche. Denkt darüber nach, noch die Haare zu waschen. „Ach, passt schon“, denkt sie, zieht dann aber doch wenigstens noch ein frisches Shirt an. Die Jacke lässt sie hängen, so kalt sollte es nicht werden. Außerdem ist sie ja eh bald schon wieder zurück. „Ich gehe los.“ Drei Worte losgeschickt.

Handy. Schlüssel. Geld. Zwei Bier und sie ist aus der Tür. Licht im Flur bleibt an.

Sie läuft die Straße entlang, da kommt ihr ein Typ entgegen. Wieder kurze Hose, sonnengebräunte Arme. Schiebt ein Fahrrad. Sie schaut ihm in die Augen, er schaut zurück. Sie lächeln sich an, laufen aneinander vorbei. Dann dreht sie sich nach ihm um. Er bleibt vor seiner Haustür stehen. Schaut ihr nach. „Ob er wohl jetzt bis zehn zählt?“, fragt sie sich beim Weitergehen.

Kurz darauf steht sie vor dem gelben Kasten, schmeißt ihre Post ein und schaut sich um. „Der Große ist nicht da“, schreibt sie der Ehrlichen. „Maaaann“, kommt zurück. „Ruf ihn an. Vielleicht ist er ja der Mann deiner Träume.“

Sie muss lachen. Überlegt kurz und hält dann ihr Handy ans Ohr. Es klingelt ein Mal, dann hebt er ab. Sie hört das erste Mal seine Stimme. Klingt nett. Klingt nach jemandem, wie sie ihn sich vorgestellt hat. „Bist du schon da? Oh Mann, ich bin gleich unten, sorry.“

„Gleich geht es los“, schreibt sie noch schnell der Ehrlichen. Dann setzt sie sich auf eine Bank. „Wo kommen nur diese ganzen hübschen Männer her?“, denkt sie, während sie wartet und die vorbeigehenden Menschen beobachtet.

Da sieht sie auf der anderen Straßenseite eine Tür zufallen. Ein großer, dunkelhaariger Typ steht suchend am Straßenrand. In einer Hand hält er einen Beutel, in der anderen einen Tiefkühlpizzakarton mit einer fertigen Pizza drauf. Er schaut sich um, sieht sie und kommt dann schnurstracks auf sie zu.

„Hey!“, strahlt der Große sie an. „Hey!“, antwortet sie.

Stunden später sitzen sie im Dunkeln in einem Park um die Ecke. Die Pizza lange aufgegessen, das vierte Bier in der Hand. Sie lachen viel. Sie schauen sich stumm an. Blicke. Verlangende Blicke. Schüchterne Blicke. Neckische Blicke. Fordernde Blicke. Ab und zu ein Blick in den Himmel. „Scheiße, ich bin echt froh, dass du so cool bist. Ich könnte ewig mit dir hier sitzen und über Gott und die Welt reden“, schwärmt der Große. Sie stimmt ihm zu, schaut dann aber doch auf die Uhr.

„Scheiße, es ist ja schon halb 4! Entweder geh ich jetzt nach Hause, oder wir gehen zu dir.“

Als sie die Straße überqueren, nimmt er ihre Hand. Dann legt er seinen Arm um sie. So laufen sie zurück zu seiner Tür. „Ich hab sogar ne Zahnbürste für dich“, sagt er grinsend, als sie im 5. Stock angekommen sind und er seine Wohnungstür aufschließt.

Wenig später stehen sie zusammen in seinem kleinen Badezimmer und putzen sich zu südamerikanischen Klängen die Zähne. „Heute nur kuscheln, oder?“, fragt der Große, nachdem er sich das Gesicht abgetrocknet hat.

Sie lacht. „Klar, nur kuscheln.“

Sie dreht sich zur Seite und sucht ihre Klamotten zusammen. In einer Stunde muss sie los zur Arbeit. Die Verabschiedung ist kurz. Sie bedankt sich für die Zahnbürste und drückt dem Großen einen Kuss auf die Wange. Sie zieht die Schuhe an, dabei grinsen sie sich wieder verschworen zu. Dann geht sie. Unten angekommen zieht sie die Haustür auf, setzt die Sonnenbrille auf und macht sich auf den Heimweg. Ihr kommen Menschen entgegen, die hastig noch die U-Bahn erwischen wollen. Menschen, die diese Nacht geschlafen haben. „Nur kuscheln …“, denkt sie sich dabei grinsend.

„Shirtless (swipe left). Gym rat (swipe left). Siri, open tinder.“

 

 

Kursiv: „Siri, Open Tinder“ von CHILDBIRTH

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