Gehen und Bleiben

am

Beim Aufschließen der Haustür fällt ihr wieder das Klingelschild zur Wohnung im zweiten Stock auf. Herr Waldner ist jetzt schon seit fast zwei Monaten tot. Er ist ihr immer im Flur begegnet, wenn er auf dem Weg zum Mülleimer war. Das Essen auf Rädern hat immer dreimal bei ihm geklingelt. Mehr weiß sie nicht, über den alten Mann, der ihr nur zunickte, der nie anders auf ihr „Guten Tag“ antwortete.

„Na, wann kommen denn die Neuen?“, fragt sie den Hausmeister, der gerade mit dem Treppewischen fertig geworden ist. Er grinst sie schelmisch an, wie immer. „Nächsten Monat erst. Können sich das wohl leisten. Werd nachher noch das Klingelschild aktualisieren. Wieder zwee Namen… Na, mal sehen, wie lange dit jut geht“, dann widmet er sich wieder seinem Eimer.

„Ein Freund von mir ist für ein paar Monate im Ausland, ich werde noch einen dritten Namen an meinen Briefkasten kleben. Er lässt seine Post zu mir schicken, ja?“
Er schaut wieder auf. „Na, aber nich, dass dit dann ne Briefkastenfirma wird“, er legt die Stirn dabei in Falten.
Sie muss lachen. „Wie lange kennen wir uns jetzt schon?“
Dann muss auch er lachen. „Ja, allet klar, dann wees ick Bescheid.“
Dann nimmt er seinen Eimer und stapft mit einem „Schönen Tach noch“ wieder die Treppe hinauf.

„Wieder zwei Namen“, hallt es in ihrem Kopf nach. „Mal sehen, wie lange das gut geht.“
Bei ihr haben die zwei Namen auf der Klingel immerhin fast zwei Jahre gehalten. Die Miete überweist sie trotzdem noch pünktlich. Hat sich nicht viel geändert. Ruhiger ist es geworden. Entspannter.

Als sie in die Wohnung kommt, schmeißt sie den Schlüssel und das Handy auf die Ablage. Turnschuhe in die Ecke, wie immer. Sie sieht sich im Flurspiegel. Gut sieht das aus. Sie, weiß eingerahmt. Genug Luft an den Seiten. Nichts, was das Bild einengt. Ein klassisches Porträt. Reduziert auf das Wesentliche. Kein Schnickschnack. Es braucht nichts, um das Bild interessanter zu machen. Sie ist genug. Genau richtig.

Sie kramt einen Stift und einen Zettel aus einer Schublade und schreibt seinen Nachnamen drauf. Dann geht sie zu den Briefkästen und klebt ihn unter die beiden anderen Namen. Sie macht ein Foto mit dem Handy. „Grün auf weiß – jetzt gehörst du dazu!“, schreibt sie und schickt es ab.

Seit er weg ist, wurde es nicht unbedingt stiller in ihrem Leben. Aber etwas fehlt. Das merkt sie immer abends. Wenn sie darüber nachgrübelt, wie es ihm wohl gerade geht. Ob er gefunden hat, was er suchte. Oder ob er dem entkommen ist, vor dem er fliehen wollte. Sie denkt an den letzten Abend in ihrer Küche. Schön war es. Irgendwie besonders. Einer dieser Momente, die man nie so ganz aus dem Kopf bekommt. „Es wird bestimmt schön, wenn er wieder da ist“, denkt sie.

„Pling“ – reißt es sie aus ihren Gedanken. Ein großes, rotes, pochendes Herz erscheint im Textfeld. Ein Symbol. Das reicht schon als Antwort. Sie legt das Handy erleichtert beiseite.

Dann geht sie ins Badezimmer und betrachtet sich auch hier wieder im Spiegel. Entdeckt kleine Fältchen an den Nasenflügeln. Lachfalten? Sind ihr vorher noch nie so aufgefallen. Sie grinst sich übertrieben selbst an. Ja, eindeutig Lachfalten. „Na so was“, denkt sie.
Was sich mit der Zeit so alles in einem Gesicht ansammeln kann. Früher hat sie es immer verflucht, ein glattes, makelloses Gesicht zu haben. Wie ein kleines Kind sah sie aus. Ein kleines Kind war sie. Heute kann man in ihrem Gesicht lesen. Nicht viel, aber wenn man genau hinsieht, dann entdeckt man die ein oder andere Geschichte. Wenn man noch genauer hinsieht, dann entdeckt man ganze Romane. „Es ist schön, wenn das Leben Spuren hinterlässt“, denkt sie, macht das Licht im Bad aus und wandert nachdenklich durch die dunkle Wohnung.

Namen auf Briefkästen. Pochende Herzen. Manches geht. Manches bleibt.

„Wenn dir nichts mehr bleibt, hast du immer noch Stil. Wenn du nichts mehr hast, hast du immer noch mich, denn ich plane zu bleiben, mein Freund.“

 

Kursiv: „Du bringst die Stories (Ich bring den Wein)“ von TOMTE 

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