Schlenkern

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„Ich wünsche dir, dass du jemanden findest, für den du die richtigen Gefühle empfindest. Jemanden, der dich auf Händen trägt, wie du es verdient hast.“ Sie starrt auf das Handydisplay. Muss schlucken. Nette Vorstellung. Aber nur eine Vorstellung.

Die Nachricht klingt wie ein Abschied. Dabei hatten sie sich doch schon so oft voneinander verabschiedet. Aber es scheint einfach keine Abschiede zu geben.

Das Display wird plötzlich dunkel, um dann mit einem Vibrieren wieder hell aufzuleuchten. Sie hebt ab.

„Hey. Was gibt es Neues in deinem Universum?“

Das andere Ende klingt erwartungsfroh.

„Der Kapitän wünscht mir jemanden, der mich auf Händen trägt. Sofort hatte ich das Bild im Kopf wie er mich stundenlang durch die Wohnung trug, nur weil ich mir den kleinen Zeh angestoßen hatte.“

„Ganz schön süß“, seufzt das andere Ende.

„Ganz schön übertrieben“, lacht sie.

„Ach. Er ist eben Romantiker. So jemand würde dir gar nicht schaden. Ganz im Gegenteil.“

„Er ist ein verheirateter Romantiker. Sagen wir doch, wie es ist. Und was mir schadet, ist Drama. Aber es ist Frühling!“

„Oh nein, es ist wieder so weit …“

„Was meinst du?“, fragt sie, obwohl sie genau weiß, worauf das andere Ende anspielt.

„Du weißt es genau“, sagt dieses daraufhin. „Sobald die ersten Vöglein nach 18 Uhr noch zwitschern, spielen deine Hormone noch verrückter als sonst. Schon eine Idee, wie du dieses Jahr damit umgehen willst?“

„Nachgeben werde ich. Einfach nachgeben. Weißt du noch letztes Jahr? Da bin ich ständig in die Luft gegangen, weil ich so viel unterdrückt und sich so viel angestaut hatte. Bitte nicht noch mal.“

„Nein, bitte nicht noch mal“, seufzt das andere Ende wieder.

Eine kurze Pause entsteht. Dann hakt das andere Ende nach: „Sag mal. Was ist das mit dir und dem Wikinger eigentlich?“

„Mittlerweile eine Freundschaft mit wenigen Grenzen. Passt dir das als Definition?“
Das andere Ende lacht. „Also eine Freundschaft plus?“

„Wie auch immer. Man sollte für jede Freundschaft individuell ausloten, wo die Grenzen sind. Was wäre das für ein entspanntes Miteinander. Dann würden sich diese ganzen Kategorien der Liebe oder der Freundschaft einfach miteinander vermischen. Wie ich immer sage: Ein bisschen mehr Respekt anderen Gegenüber würde der Welt echt guttun.“

„Was machst du, wenn das wieder vorbei ist?“
„Wieso vorbei? Abschiede scheint es ja nie wirklich zu geben. Aber wenn es irgendwann anders ist, dann ist es vielleicht eine Erleichterung. Vielleicht tut es ein bisschen weh. Wer weiß das denn schon? So, wie es ist, kann es gerne bleiben. Aber, wie du weißt …“

„Irgendwas ist immer!“

„Ganz genau.“

„Erstens kummts anders, zwoatens als ma denkt und drittens hod ma koan anda Menschn in der Hend.“

„Heute Morgen habe ich einen Fahrradfahrer gesehen, dem eine Fahrradfahrerin auf seiner Spur hinter einer Kurve entgegenkam. Es hat ihn fast geschmissen. Einen richtigen Schlenker zur Seite hat er gemacht. Ich bin vor Schreck fast dem Auto vor mir reingedonnert!“, wechselt das andere Ende das Thema.

„Schöne Metapher“, ergänzt sie. „Man weiß eben nie, was einen hinter der nächsten Kurve erwartet. Deswegen zieht es so viele ja auf die geraden Strecken. Wie auf einer Autobahn. Alle schön hintereinander. Richtgeschwindigkeit. Ist dein Radfahrer denn gestürzt?“

„Nee, er hat sich wieder gefangen. Fluchend.“

„Dann ist ja alles gut. Vielleicht erzählt er später seinen Freunden davon. Spätestens morgen hat er es vergessen. Nur, wenn er wieder an dieser Stelle vorbeifährt, wird er noch daran denken. Wenn er Glück hat, passiert ihm so was nicht noch mal.“

„Falls doch, dann weiß er wenigstens, dass er gute Schlenker fahren kann“, schließt das andere Ende.

„Richtig. Du, ich muss hier jetzt noch ein paar Dinge erledigen. Und dann ist ja bald schon wieder Wochenende. Ich habe viel vor!“

„Mit dem Wikinger?“

„Wenn er mitmachen will, vielleicht.“

 

 

Kursiv: „Es kummt weys kummt“ von BBOU

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