Am Tropf des Abenteuers

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Schon den ganzen Tag schüttet es wie aus Eimern. Sie zieht den Vorhang wieder vor das Fenster. „Es hilft nichts“, denkt sie. Geht in den Flur, zieht die Turnschuhe an. Steckt das Handy und den Schlüssel ein. Licht im Flur bleibt an. Raus.

Der Regen ist nicht stark, aber beständig. Die Kapuze kann nicht alle Tropfen aus ihrem Gesicht halten. Sie hüpft über eine Pfütze und tritt dabei fast in einen verwaschenen Hundehaufen. „Glück gehabt“, denkt sie und stapft weiter.

An der Ecke kommen ihr zwei Männer entgegen. Auch sie haben die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. „Und dann ruft sie an und heult mir die Ohren voll, nur weil sie ihren kleinen Zeh an der Türkante angehauen hat“, sagt der eine. Der andere nuschelt etwas, das klingt wie „Weiber!“, dann sind sie an ihr vorbei.

Den Zeh an der Tür anhauen. Automatisch kribbelt es in ihren Füßen. Sie denkt sofort daran, wie der Kapitän sie stundenlang durch die Wohnung trug, als sie sich ihren Zeh angehauen hatte.

An ihrem Ziel angekommen zieht sie die Holztür nach außen auf. Wärme und stickige Luft strömen ihr entgegen. Sie saugt den Geruch tief ein. Hat ihn vermisst. Ihren persönlichen Geruch von Freiheit. „Hey, na? Auch mal wieder da?“, wird sie vom Barkeeper begrüßt. „Ja. Du weißt ja, die Arbeit …“, antwortet sie, macht den Reißverschluss der Jacke etwas auf und bestellt das Übliche.

„Hinten viel los?“, fragt sie dann den Barkeeper. „Wie immer. Aber deine Ecke ist noch frei“, antwortet er mit einem Zwinkern.

Sie drückt sich an Tischfußballern und Stühlen mit nassen Jacken vorbei in ihre Ecke. Stellt das Bier ab und zieht ihre Jacke aus.

Keine bekannten Gesichter zu sehen. Gut so. Sie lässt sich in den alten, zerknautschten Sessel fallen. Lässt den Blick noch einmal durch den halbdunklen Raum schweifen. Zigarettenqualm liegt in der Luft. Dann kramt sie ihr Büchlein aus der Tasche. Bevor sie nach dem Stift sucht, blättert sie durch die letzten, beschriebenen Seiten.

„Vielleicht hat er dieses Wochenende endlich mal mit ihr geredet. Vielleicht ändert sich bald etwas. Aber mein Gefühl sagt mir, dass es das nicht wird. Nicht so schnell jedenfalls. Irgendwas in mir warnt mich davor, weiter zu gehen. Auch wenn er mir in den blumigsten Tönen erklärt, wie wunderbar mit uns alles sein könnte und wie schrecklich ihn seine momentane Situation belastet. Ich werde nicht weiter gehen, als bis zu dem Punkt, an dem ich noch sicher davor bin, in ein tiefes Loch zu fallen!“

Bei dem letzten Satz muss sie schmunzeln. Tatsächlich. Diesmal hatte sie das Versprechen an sich selbst gehalten. Es war erst wenige Wochen her. Fühlte sich aber schon an wie eine Ewigkeit. „Glück gehabt“, denkt sie wieder.

Jetzt kramt sie doch nach ihrem Stift. Das Kerzenlicht reicht gerade aus, um halbwegs lesbare Zeilen zu verfassen.

„Heute kam noch eine letzte SMS. Er wünscht mir jemanden, für den ich die richtigen Gefühle empfinden kann. Jemanden, der mich auf Händen trägt. Wie sich das für mich anfühlt? Entspannt. Ich weiß, dass er derjenige ist, der mich auf Händen getragen hat. Ich weiß, dass er derjenige ist, mit dem ich alle meine geheimsten Wünsche erfüllt bekommen hätte. Ich weiß auch, dass ich dafür noch nicht bereit bin. Es gibt noch so viele andere Abenteuer, von denen ich mich nicht losreißen kann.“ Sie denk kurz nach, dann fügt sie hinzu: „Da ist er schon wieder, dieser Satz. Gefangen am Tropf des Abenteuers. Ich glaube, ich war schon immer so und es wird sich niemals ändern.“

Der Barkeeper schaut zu ihr rüber, dreht die Musik etwas lauter.

„For the tyrants in a rut, I got a love. For the gutless dogs, I got a love. For the doomed youth, I got a love.“

„Hey. Du sitzt hier so alleine“, wird sie plötzlich von der Seite angesprochen. „Kann ich mich dazusetzen? Magst du noch was trinken? Was schreibst du da?“

Langsam dreht sie den Kopf. Der erste Blick entscheidet. Hopp oder Top.

 

 

Kursiv: „Siberian Nights“ von THE KILLS

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