Unterwasserliebe

am

Sie schließt die Haustür auf. Schmeißt den Schlüssel in die Schale. Schuhe in die Ecke. Handy ans Ladekabel, dabei ist der Akku noch mehr als halb voll.

Sie geht in die Küche. Da sitzt der Starke.

„Hey. Wie war es?“, fragt er gut gelaunt.

„Hey, wieso küsst du mich nicht endlich?“, will sie sagen. Stattdessen: „Gut. Können wir los?“

„Gleich“, sagt er und sein Blick ist schon wieder auf den Bildschirm des Laptops gewandert.

Unruhig tigert sie durch die Wohnung. Er geht duschen.

Sie schraubt ein Regal an die Wand. Er zieht sich an.

Sie sammelt ihre Sachen zusammen und sucht eine andere Handtasche raus. Er drückt sich von hinten an sie. Vergessen.

Im Auto ist es warm. Musik an. Smalltalk. Sie hat wieder seinen Geruch in der Nase. Kann ihm kaum widerstehen. Fenster runter.

Im Parkhaus spricht sie es dann endlich aus: „Was war gestern Nacht eigentlich los?“

„Ich dachte, du willst nicht.“

„Bist du verrückt?!“

„Ich wollte nichts machen, was du nicht willst.“

„Ging mir auch so“, sagt sie beim Aussteigen. „Na ja, jetzt wissen wir ja, was wir wollen. Dann können wir es beim nächsten Mal ja anders machen.“ Ein bisschen bockig ist sie schon.

„Erstmal werde ich dich küssen“, sagt er und macht die Autotür wieder zu.

Kleine Blitze fahren durch ihren Körper. Der letzte Kuss ist lange her. Auch neben einem Auto. Damals haben beide nicht das getan, was sie wollten.

Er kommt auf sie zu, nimmt sie in den Arm. Der Starke küsst sie. Sie küsst zurück.

„Ich hänge einfach am Tropf des Abenteuers.“ Als sie mit dem Starken beim Abendessen sitzt, kommen ihr diese Worte der Ehrlichen wieder in den Kopf. Sie weiß, sie ist süchtig. Aber nicht mehr abhängig.

Es ist spät geworden. Ein Rettungswagen fährt am großen Fenster des Restaurants vorbei. Déjà-vu.

Als sie zum Auto gehen, verkriechen sie sich in ihren Jacken. Es ist kalt geworden. Sitzheizung auf höchste Stufe. Seine Hand auf ihrem Oberschenkel. Routine. Küsse an der Ampel. Sie denkt an den Tag, als sie zusammen am Meer waren. Impressionistischer Himmel über ihnen. Sie musste weinen. Er nahm sie in den Arm. Damals dachte sie, alles wird gut. Heute weiß sie es. Die Nacht ist schwarz. Keine Sterne sind, wie sonst, durch sein Schiebefenster zu sehen.

Seine Hand drückt ihr fast die Luft weg. Ihre Hände gleiten über seinen Oberkörper, krallen sich schließlich in seinem Rücken fest. Sie beobachtet sein Gesicht. Sein Blick ist konzentriert. Er weiß, was er tut. Ein kurzes Lächeln. Dann schiebt sie ihre Hand zwischen ihre Körper. Sie weiß, was sie tut. Lächeln, dann geht der Atem kontrollierend unkontrolliert. Sie genießt sein Gewicht. Er stößt sie tiefer von sich weg, schiebt dabei seinen Daumen in ihren Mund. Zieht sie zurück. Dring wie eine Welle wieder in sie ein. Die Welle zieht sich weiter durch ihren ganzen Körper und endet in einem Aufschrei. Sie versucht sich zu lösen, schnappt nach Luft. Dann drückt er sie wieder an sich, ihren Körper nach unten. Blut pulsiert, macht die Ohren taub und das Hirn weich. Für einen Moment scheint alles möglich. Atem und Körper tanzen im Takt. Sein Name ist ihr Mantra. Seine Küsse brennen auf ihrer Haut. Er treibt sie immer weiter, bis seine Muskeln anfangen zu zittern. Sie greift in seine Haare, dirigiert die Geschwindigkeit mit ihrem Becken. Seine Hand liegt wieder auf der kleinen Kuhle zwischen ihren Schlüsselbeinen. Diesmal sanft. Sie schauen sich in die Augen und sie genießt seinen entrückten Blick, als er schließlich jeden Widerstand aufgibt.

Eng umschlungen schlafen sie irgendwann ein. Was auch immer seit dem letzten Mal passiert war, es war für den Moment weit weg. Vergessen.

Auch dieses Kapitel hat irgendwann ein Ende. Gegen die Wand gedrückt tauschen sie am nächsten Tag die letzten Küsse. Dann setzt sie die Sonnenbrille auf und steigt in ihr Auto. Er tut es ihr nach. Sie lassen gleichzeitig ihre Fenster herunter. Grinsen sich an. Dann fährt sie vorweg.

„Bin gut angekommen“, schreibt er ihr am Abend.

„Ein Teil von dir ist aber noch hier“, antwortet sie.

„Manchmal stellt man Dinge auf ein Podest und kommt nie wieder ran. Und die Dinge fangen Staub. Und man sitzt einfach darunter und betet sie an – jahrelang.“

Sie schickt ihm ein Foto von sich in seinem T-Shirt. Es riecht noch nach ihm.

Sie legt es zu den anderen Souvenirs, die für ihn noch nie ein Grund waren zurückzukommen.

„Doch irgendwann muss man niesen wegen dem ganzen Staub – und Hatschi! niest die Dinge vom Podest. Und wenn die Trauer vergeht, ist Platz für Neues. Das Leben ist okay, es meint es gut mit dir. Und dann packt man seine Koffer und verlässt den Mount Murphy und das Marie-Byrd-Land. Für immer. Nur in der Ferne funkeln Sterne.“

 

 

Kursiv: „Marie-Byrd-Land“ von MAECKES

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