Beziehungsberechtigt

am

Es klingelt. Sie zählt langsam bis zehn und drückt dann auf den Türsummer. Das Licht im Flur geht an und da steht er. Der Starke. Und grinst. Und sie grinst auch. Vergessen.
Ein flüchtiges Küsschen auf die Wange. Vertraute Umarmung. „Du riechst gut“, sagt der Starke. „Du auch“, sagt sie.

Draußen scheint ihnen die Sonne unbarmherzig ins Gesicht. Er legt seinen Arm um ihre Schultern. Sein Bart kitzelt an ihrem Hals.
Sie spazieren am Kanal entlang. Sie sitzen in Cafés. Blicke.
Sie legt ihren Arm um ihn. Drückt ihr Gesicht an die Stelle zwischen Schlüsselbein und Schulter. Saugt seinen Geruch ein.

Er streicht eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht. Sie studiert die kleinen Flecken in seiner Iris. Seine Augen, umrahmt von langen, dichten Wimpern. Er hat seine Jacke ausgezogen. Ihr Blick wandert weiter. Seine starken Arme. Seine Hände. Mit der kleinen Narbe vom lange zurückliegenden Sommer. Er wollte heroisch auftreten, hatte sich dabei nur lächerlich gemacht. Sie macht wie früher einen Witz darüber, er rollt mit den gepunkteten Augen und beißt ihr in den Hals.
Sie denkt an den Moment, als er mit ihr im Arm in den See gesprungen ist. Wie sie dann im kalten Wasser hinter ihm schwamm. Die untergehende Sonne glitzerte auf der sich kräuselnden Oberfläche. Seine Schultern tauchen in ihrem Blickfeld auf. Das Verlangen danach zu greifen. Wie sie es dann tat. Wie er sie umschlang und beide dabei fast untergingen. Sie sich an ihn klammerte und er mit ihr Huckepack die Leiter auf den Steg zurückkletterte. Ein paar Wochen und hunderte solcher Momente später fühlte sie sich beziehungsberechtigt. Weitere Wochen später brach er ihr grausam das Herz. Vergessen.

Jetzt ziehen sie von Bar zu Bar. Mit jedem Schnaps werden die Blicke intensiver. Wachen die alten Gefühle auf und werden mit einem weiteren Schnaps wieder runtergespült. Seine Hand auf ihrem Po. Ihre Hand in seiner Hand. Kichern. Atmen nicht vergessen. Haut berührt sich. Schreckt zurück. Holt Anlauf. Heimweg.

Heute ist alles anders und alles wie immer.
An der Türschwelle bleiben die Zweifel zurück.
„Komm her zu mir!“, befiehlt er. Sie folgt. Legt ihren Kopf auf seine Brust. Widersteht knapp dem Drang, ein Stück aus seinem perfekten, festen Körper herauszubeißen. Atmen geht leise, aber schwer. Hände graben ihren Weg unter der Decke und durch die Kleidung. Eng umschlungen liegen sie schließlich aufeinander. Lippen streifen sich flüchtig. Kurz vor der Eindeutigkeit halten sie inne. Sie haben sich beide an der Angel. Doch statt den Fang an Land zu ziehen, schmeißen sie ihn abwechselnd wieder zurück in die Fluten. Wortlos lösen sie sich schließlich. Minuten später sind sie eingeschlafen.

Die Ehrliche öffnet ihr am nächsten Morgen die Tür. Erwartungsvoller Blick. „Alles gut“, sagt sie gleich. „Sicher?“, fragt die Ehrliche.
„Ich weiß es nicht“, gesteht sie dann.
„Noch ist er nicht weg,“ stellt die Ehrliche klar.
Sie kramt in ihrem Rucksack herum und muss dabei schmunzeln.
„Ich glaub, ich hab heute morgen die Wohnung abgeschlossen. Flüchten kann er jedenfalls nicht.“

Dann schaut sie direkt in die Augen der Ehrlichen. „Und wieder warten, auf das Endorphin. Endlich wir. Endlos fühlen, Unterwasserliebe. Und alles was du siehst, ist die Luft nach oben.“

Nach kurzem Zögern lachen beide über dieses Zitat.

 

Kursiv: „Unterwasserliebe“ von OK KID

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