Rettungsboot

am

„Alles okay?“, fragt der Kapitän, während seine kräftigen Hände über ihr weiches Haar streichen.

„Alles okay. Und bei dir?“, fragt sie zurück.

Er presst seine weichen Lippen auf ihre. Sie erwidert seinen Kuss. Leidenschaftlich.

Dann schiebt sie ihn wieder ein Stück zurück. Es war warm geworden. Es war ihr zu warm geworden. Und sie zieht die Bettdecke ein Stück höher.

„Was denkst du?“, direkt nachdem sie diese Frage gestellt hat, bereut sie sie auch schon wieder.

„Dass ich mich sehr wohlfühle gerade. Dass ich froh bin, bei dir zu sein. Dass die letzten Wochen wirklich anstrengend waren und ich diese Auszeit gebraucht habe“, flüstert er.

Also ob es um ein Geheimnis geht, stimmt sie in seinen Flüsterton ein.

„Wie läuft es bei dir zu Hause?“

„Ach, ich will dich da nicht mit reinziehen. Zu Hause passiert nichts. Großes Schweigen. Wir sind kein Stück weiter gekommen und ich weiß auch nicht, wie das weitergehen soll. Ich glaube, wir zögern das Unvermeidbare immer weiter hinaus.“ Er nimmt sie in den Arm. „Mach dir keine Gedanken. Du machst dir immer viel zu viele Gedanken um die Probleme der anderen.“

Sie rückt wieder näher an seinen warmen Körper heran. So ein großer, starker Mann. Und doch so zerbrechlich, denkt sie, schaut dabei an die Decke.

„Ich bin doch auch ein Teil dieses Problems“, sagt sie dann.

„Bist du nicht. Und es tut mir echt weh, dass du so denkst.“ Bei diesen Worten richtet er sich fast vollständig auf. Trübes Licht fällt über seinen breiten Oberkörper. Er schaut auf seine Hände. „Du hast nichts Falsches getan. Ich bin es, der etwas falsch macht. Ich bin dafür verantwortlich, dass dir diese ganze Sache den Kopf durcheinander bringt. Und ich hasse mich dafür. Ich will dir nicht wehtun. Das hast du nicht verdient.“ Er schluckt. Sein Schiff ist leck. Die letzten Befehle fallen ihm sichtlich schwer.

Nach einer Weile des Schweigens zieht sie ihn zu sich herunter. Küsst ihn. „Ich bin ein großes Mädchen. Du bist nicht für mich verantwortlich. Das bist du nur allein für dich. Und so bin ich es für mich.“ Dann schiebt sie die Bettdecke wieder zurück, rollt ihn auf die Seite, richtet sich selbst auf und schaut nun auf ihn herab.

„Ich glaube, es wäre besser, wenn wir unseren Kontakt wieder auf ein Minimum reduzieren. Das ist besser für uns beide. Und für alle anderen Beteiligten.“ Bei ihren Worten schaut er traurig. Dann nickt er.

„Aber jetzt bist du hier. Und so lange halten wir die Zeit einfach an. Morgen geht sie von alleine weiter.“ Sie beugt sich zu ihm runter. Küsst ihn wieder. Seine Hände gleiten über ihren Körper. Ihre über seinen. Fordernd. Seine Arme halten sie fest. Der Schweiß schmeckt wie das Meer. Oder wie Tränen.

Alles, was in der Tiefe wartet, wird früher oder später seinen Weg an die Oberfläche finden. Wird Fragen stellen. Wird Zweifel keimen lassen. Wird Löcher bohren. Einem Eisberg sieht man seine wahre Größe nicht an.

Was sich anhörte wie ein Geheimnis, war in Wirklichkeit auch eins. Und die Gefahr, die es mit sich brachte, überstieg alles, was sie bis dahin ausgehalten hatte.

Als ihr Telefon vibriert, sitzt sie allein auf dem Balkon. Der Kapitän. „Mit dir aufwachen und die Sonne scheint. Großartig! Meine Hände riechen noch immer nach dir …“ Das Schiff hatte den Hafen schon längst wieder verlassen.

Sie antwortet knapp. „Fahr bitte vorsichtig.“ Dann dreht sie die Musik wieder lauter. Klettert langsam ins Rettungsboot und legt ab.

„I don´t want to be a bad woman. And I can´t stand to see you be a bad man. I will miss your heart so tender. And I will love this love forever.“

 

 

Kursiv: „Good Woman“ von CAT POWER

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