Schamgefühle

„Es wäre schön, sich wieder näher zu sein. Ich denke daran.“ Zwei Sätze, die von ihrem Display direkt in die Seele brennen. Der Sanfte.

„Scheiße!“, denkt sie.

Eine weitere Nachricht nur ein paar Minuten später.

„Bock auf ein Bier?“, schreibt diesmal der Verlorene.

„Scheiße!“, denkt sie wieder.

„Was ist nur los in diesem, meinem Leben?“, fragt sie sich. „Zu viele Löcher. Zu viele schlecht vernähte Narben. Zu viel offen. Zu viel hoffen. Zu viel.“

Sie blickt noch eine Weile auf das Display. Springt immer wieder zwischen diesen beiden Nachrichten hin und her. Antworten? Wem? Was? „Lasst mich doch alle mal in Ruhe!“, denkt sie dann.

Warum rührt es ihre Ruhe überhaupt so sehr an?

Alte Gedanken spielen plötzlich wieder Ping Pong in ihrem Kopf. Eben noch war alles gut. Aber könnte es nicht vielleicht doch … würde es nicht vielleicht doch … müsste sie nicht eigentlich doch …

Ein gigantischer Berg an Gefühlsabfällen sprengt den Deckel, den sie mit Mühe draufgeschoben hatte.

Verpflichtung. Ein zweischneidiges Gefühl.

Sie wagt einen kurzen Tanz bis zur Spitze des Messers. Taumelt vor dem Abgrund. Ein klammernder Griff umfasst ihre Kehle. „Es sind nur Worte“, denkt sie. Doch jedes Wort zieht ein Wörterbuch hinter sich her. In ihrer Welt.

Kopf und Gefühl mischen sich wieder ein. Ein ewiger Kampf beginnt.

Sie schaut auf ihre Hände. Denkt an die Worte derer, die sich in ihrem Chaos manchmal etwas auskennen.

Schuldgefühle. Schamgefühle.

Dann reißen die billigen Fäden, die all die Narben verschließen sollten. Unsaubere Stiche platzen blutend auf. Als ob Haie um sie kreisen würden, schwappt eine Welle der Panik über sie. Eine Faust in ihrem Magen. Eine Schnur um den Hals. Ein Gewitter im Kopf. Ertrinken.

Ihr wird heiß und kalt. „Hilfe“, denkt sie.

Sie steht auf, streift umher wie ein Tiger im Käfig. Kalte Füße. Heiße Ohren. Sie fühlt sich schmutzig. „Es sind nur Worte“, denkt sie wieder. Sie denkt an die Rüstung, an die sie sich jetzt anlehnen würde. Was sind schon blaue Flecken gegen offene Wunden?

Es tutet sehr lange, dann geht die Wissende endlich ans Telefon.

„Hilf mir.“

„Du musst niemandes Bedürfnisse stillen.“

„Danke.“

Das Gewitter zieht ab. Worte bleiben Worte.

„I know you´re bleeding, but you´ll be okay. Hold on to your heart, you´ll keep it safe. Hold on to your heart, don´t give it away.“

 

 

Kursiv:“Various Storms & Saints“ von FLORENCE + THE MACHINE

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