Neue Luft

Der Regen trommelt gegen die Autoscheiben. „Mist! Ich hätte schon längst neue Wischer montieren müssen“, flucht sie. Der Schleier auf der Scheibe wird immer dichter. „Heute ist wieder so ein Tag, der meinen Gemütszustand perfekt spiegelt“, denkt sie.
Der Kapitän geht ihr nicht mehr aus dem Kopf. Dabei schreit der Kopf förmlich, dass er verschwinden soll. Muss. Ihr Kopf arbeitete schon immer wie der große Bruder des Herzens. Nur diesmal ist er ziemlich ratlos. Sie hat eine Liste erstellt. Pro und Contra. Contra ist beidseitig befüllt. Der Kopf hat sich richtig ausgetobt. Die Pro-Seite schmücken ein paar kritzelige Herzchen. Der Regen lässt sie verwaschen erscheinen, trotzdem leuchtet die Farbe noch.

„Gerade heute habe ich absolut keine Zeit für sowas“, denkt sie. Alles, was noch an guter Laune da war, rutscht jetzt mit den Regentropfen in einer Dachrinne um die Wette. Sie muss nach Hause. In einer halben Stunde kommt er.
„Ich will unbedingt nochmal länger mit dir reden, hast du diese Woche noch Zeit?“, hatte er geschrieben. Diese Worte geistern ihr seit Tagen im Kopf herum. Was meint er. Was meint er, wenn er sagt: „Die letzten Tage sind gezählt“?!
Nervös kratzt sie mit den Fingernägeln auf dem Lenkrad herum, bis die Ampel weder grün wird.

Zu Hause als Erstes aus den nassen Turnschuhen. Handy ans Ladekabel. Ein schneller Blick durch die Wohnung. Vielleicht den Wäscheständer abräumen? Ach, passt schon.
Es klingelt.
Und plötzlich steht er vor ihr. Er sieht noch immer aus wie letztes Jahr, denkt sie. Nur die Kopfbedeckung hat gewechselt. Er grinst sie an. „Hey.“
„Hey“, antwortet sie. Und dann: „Tee oder Bier?“
„Bier wäre super.“
Die Dosen zischen. Dann sitzen sie nebeneinander. Wie früher. Und grinsen sich an.
„Ich komme gleich zum Punkt“, sagt er direkt. „Kann ich deine Adresse als Nachsendeadresse angeben? In drei Wochen bin ich hier weg, aber ich brauche jemanden, auf den ich mich verlassen kann.“
„Natuerlich.“
„Danke. Das hilft mir schon sehr. Wieder ein Haken an einer viel zu langen Liste.“
Ihre Nervosität ist nun wie weggeflogen. Er sitzt hier. Und alles ist wie immer. Aber doch ist da etwas anders. Die Magie ist irgendwie nicht mehr da. Aber da ist kein Loch. Irgendetwas anderes. Es fühlt sich gut an. Einfach. Leicht.
„Wirst du weit weg gehen?“
„Ja. Und ich bleibe auch lange weg. Diese Stadt zieht mich runter. Saugt mich aus. Irgendwie läuft alles schief. Und wenn man sich durch den Berg gewühlt hat, dann blickt man zurück und fühlt sich sehr leer. Ich muss das auffüllen. Mit frischer Luft. Ich kann es kaum erwarten.“

Sie reden noch eine Weile über die Reise, dann sitzen sie wieder abschweifend am Küchentisch. Das große Thema ist schnell ausgegraben. Seit sie ihn kennengelernt hat, ist es ihr heimliches Gedanken-Thema Nummer eins.
Zwischenmenschlichkeit. Beziehungen. Menschen, die lieben. Menschen, die nicht lieben.
„Es gibt niemanden, den man fragen kann. Es gibt keine Erfahrungswerte. Alles geht so schnell. Zeitraffer“, sagt er zwischen zwei Zügen. Das kommt ihr bekannt vor.
„Wer weiß, wie es in fünfzig Jahren aussieht“, grübelt sie weiter. „Vielleicht müssen wir das Handbuch schreiben, das unseren Kindeskindern irgendwann einmal erklärt, wie das gerade mit der Liebe funktioniert. Die alten Schinken helfen mir nicht weiter.“
„Wir sollten es gut machen. Wir sollten uns Mühe geben.“
„Ich glaube, egal wie wir es machen, auch unsere Kindeskinder werden irgendwann fragen, wie wir nur auf ,solche Ideen‘ gekommen sind. Warum wir es so und nicht anders gemacht haben.“
„Ich würde diesen kommenden Generationen gerne erklären, warum ich heute so handle, wie ich es eben tue.“

Sie schweigen einen Moment. Dünner, blauer Rauch sucht sich seinen Weg zum Fenster. Es knistert leise, als er das letzte Mal an der Zigarette zieht. „Ich glaube, ich muss jetzt gehen. Ich habe das Gefühl, ich ziehe die Menschen um mich herum gerade einfach nur runter.“
Sie lacht, schüttelt den Kopf. „Kommt mir nicht so vor. Du strahlst Abenteuer aus. Du bist bald unterwegs. Ich beneide dich ein bisschen, aber ich freue mich sehr für dich.“ Und sie freute sich wirklich. Sie wusste, es war der einzige Weg. Und er würde ihn retten. Auf irgendeine Art und Weise.
Sie stehen auf. Der Druck seiner Arme um sie herum ist genau wie früher. Schnell haben sich ihre Münder gefunden. Es ist ganz still. Nur ihr Puls ist leise zu hören, als seine Hand langsam unter ihre Kleidung wandert. Ein Kerzenlicht beleuchtet die Abschiedsszene. Zwei Herzen. Zwei Münder. Alles geht schnell, während sie sich Zeit lassen. Ihr leises Stöhnen vertreibt schließlich die Stille. Gierige Hände. Gierige Blicke. Er klammert sich an sie. Sie schließt die Augen. Rauschen, als er schließlich in sie eindringt.

„Ich glaube, jetzt gehe ich wirklich“, sagt er leise, streicht ihr dabei über das Haar. Sie hebt ihren Kopf von seiner Brust und nickt. Das Rauschen ist vorbei. Es fühlt sich leicht an.
„Schick mir deine Adresse, wenn du angekommen bist. Ich schreibe dir.“ Sie stehen im Flur. Er schlüpft in seine Turnschuhe, zieht den Reißverschluss der Jacke höher. „Danke, dass du mir hilfst“, sagt er zum Abschied. „Danke, dass du mir geholfen hast“, denkt sie zurück. Dann schickt sie ihm ein letztes Lächeln zur Tür, bevor sie diese langsam zudrückt.

„Someday love’s gonna find us. Holding hands on a bridge. Someday love she gonna find us. What a reason to live.“

Es ist spät geworden. Sie schaut ein letztes Mal aufs Display. „Hey. Noch wach?“, fragt der Kapitän. Sie schaltet das Telefon aus. Dreht sich um.

 

 

Kursiv: „Someday“ von ROB DRABKIN

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