Unendlich schön

Die Heizung im Rücken bollert heiß. Der ganze Raum glüht. Sie rückt den Stuhl etwas näher an den Tisch heran. Im Kerzenschein vor ihr zwei Gesichter. Lange nicht gesehen. Die nächste Runde Bier steht vor ihnen.

„Wieso hast du eigentlich keinen Freund?“ fragt der ältere von beiden.
„Wenn ich nur einen Euro bekommen würde, jedes Mal, wenn mir jemand diese Frage stellt …“, lacht sie.
„Nein, mal im Ernst“, sagt jetzt der Jüngere. „Wieso hast du keinen Freund? Du bist hübsch und das weißt du auch. Du bist lustig und schlau. Also wer dich nicht will …“
„Danke. Aber du fragst die Falsche. Ich hab im Moment sowieso gar keine Zeit für jemanden“, antwortet sie. Ohne Lachen.
„Ja, ja“, lenkt der Jüngere sofort ein. „Das sind immer die Ausreden der Verzweifelten!“
„Ich bin doch gar nicht verzweifelt!“
„Sicher?“, hakt der Ältere nach. „Du kannst uns nicht erzählen, dass du dich nicht nach Zweisamkeit sehnst. Dass du gerne alleine bist.“
Doch bin ich, hätte sie am liebsten geantwortet. Aber sie weiß, dass sie den beiden nichts vormachen kann.
„Ich bin nicht gerne alleine. Aber in dieser Stadt, in diesem Alter … irgendwie ist das nicht so einfach, jemanden zu finden, mit dem man auf einer Welle schwimmt.“
„Ja, deswegen musst du hier auch schleunigst weg. Komm mit zu uns.“ Und jetzt lachen wieder alle drei.

Drei Bier später ist das Trio auf dem Weg zu ihr. Absacker.
„Mann, hier muss man doch echt aufpassen, nicht abgestochen zu werden! Wie kannst du hier nur leben?“, flüstert der Jüngere.
„Du bist so ein Dorfkind. Wenn du so an die Sache herangehst, dann wirst du mit Sicherheit abgestochen.“
„Aber die vier Polizisten vorhin in der U-Bahn haben auch gesagt, wir sollen auf uns aufpassen.“
„Ja. Weil man euch einfach ansieht, dass ihr nicht von hier kommt.“
Sie laufen an einem Rettungswagen vorbei. Vor dem Haus stehen zwei Sanitäter mit einem Polizisten. Sie rauchen und lachen.
„Na bitte, die sind bestimmt zu spät gekommen und machen jetzt erstmal ne Pause. So viel Blaulicht wie heute Abend sieht man bei uns im ganzen Jahr!“, versucht der Jüngere seine These zu untermauern.
Dann biegen sie ab und betreten den Späti an der Ecke.

„Mooooooin“, kommt es sofort vom Älteren. Ein alter Mann sitzt am Fenster, vor sich ein Corona. Er lacht und fragt, ob sie aus Bayern seien. Die Jungs schauen sich an und prusten los. Der alte Mann sagt: „Ach nee, da sagen se ja immer nur ‚is mir wurscht‘.“
„Genau“, ruft nun der Jüngere. „Solange wir das nicht sagen, ist noch alles in Butter.“

Mit klirrenden Flaschen verlassen sie den hellen Laden und setzen ihren Weg fort.
Kronkorken zischen, als sie schließlich auf dem Sofa sitzen.
„Also wenn ich keine Freundin hätte …“, kommt es vom Jüngeren.
„Keine Chance!“, lacht sie. „Ich passe wirklich nicht zu deinem 200 qm Eigenheim auf dem Land.“
„Ach, ich finde eigentlich schon. Dorf würde dir stehen. Außerdem muss man da nachts keine Angst auf der Straße haben.“
„Ich habe keine Angst auf der Straße“, kontert sie.
„Aber mit einem Mann an deiner Seite hättest du noch weniger keine Angst, gib’s doch zu“, und er zwinkert. Dreimal hintereinander.

„Ich glaub, ich schmeiß euch jetzt raus“, gähnt sie, als die sechs Bier geleert sind.
„Wie kommen wir denn jetzt zurück zum Hotel?“, fragen die Jungs fast gleichzeitig.
„Ich hab euch ein Uber gerufen“, antwortet sie müde. „Dann geht ihr auch nicht verloren oder werdet abgestochen.“
„Was ist denn ein Uber?“, fragt der Jüngere noch, da hat sie die beiden schon zu Hamid in seinen Renault gesteckt.

Sie schafft es noch, die Zähne zu putzen. Im Ohr noch das letzte Lied aus ihrer Playlist.

„Ich bin so unendlich schön, ich bin so unendlich schön, ich bin so unendlich schön. Millionen süßer Zungen wollen mich verführn.“

Dann fällt sie ins Bett. Wecker stellen. Zwei Nachrichten warten auf ihrem Display.

Eine vom Jüngeren.
„Hamid ist der beste Mann! Es war ein toller Abend! Sind gut angekommen. Ich mag dich. Ohne Scheiß. Hätte ich keine Freundin. Du bist eine tolle Frau!“

Eine von ihm.
„Hey, bei mir wird es jetzt ernst. Die letzten Tage in der Stadt. Ich will unbedingt noch mal länger mit dir reden, hast du diese Woche noch Zeit?“

 

 

Kursiv: „Ich bin so unendlich schön“ von ISOLATION BERLIN

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