Mit Ohne / ohne Mit

Sie sitzt im Bus. Reklamelichter leuchten durch die beklebte Scheibe. Eines weist großbuchstabig „Alkoholfreie Getränke“ aus. Aha, hier gibt es sie also, diese Getränke ohne Alkohol, denkt sie schmunzelnd.
Ihre Kurzstrecke nähert sich dem Ziel. Sie steht auf, steigt die Treppe herunter und wartet an der hinteren Tür auf den Stop. Alkoholfreie Getränke. Fleischfreie Wurst. Zuckerfreie Kaugummis. Das „Ohne“ ist das neue „Mit“. Beziehungen ohne Liebe.

Sie denkt an Spezi. An vegetarische „Gurkerl extra“-Wurst aus Österreich.
Sie denkt an ihn. An den Marokkaner. Den Wikinger.
Stop. Die Bustür geht auf, sie steigt aus. Zieht den Reißverschluss der Jacke wieder höher.
Spezi hat sie schon immer getrunken. Und Gurkenwurst ohne Wurst isst sie auch nur wegen den Gurken.
Erfüllung von Gelüsten.
Geschmack. Aussehen. Verlangen. Freiheit. Gefühl. Es ist vor allem das Gefühl.

Wo ist die Grenze?

Das Licht im Flur ist an, als sie nach Hause kommt. Schlüssel auf den Tisch. Die nassen Turnschuhe in die Ecke. Handy ans Ladekabel. Auf dem Display wartet eine Sprachnachricht. „Wie geht es dir? Ich musste gerade an dich denken. Bin auf ,deinem‘ Stück der Autobahn gefahren.“ Der Andere. Was oder wer hat wen getriggert? Das „Ohne“ ist das neue „Mit“. Ein kurzes Verlangen steigt auf. Aussehen. Gefühl.
Du kannst Menschen nicht mit Lebensmitteln vergleichen, denkt sie. Sie schickt eine Nachricht zurück. Wann hatte sie eigentlich das letzte Mal Spezi? Irgendwo ganz hinten im Kühlschrank findet sie noch eine. Eisgekühlt. Ein Genuss.

Das Handy plingt schon wieder. Diesmal auf Englisch. Direkt aus der schwedischen Landeshauptstadt. „I have been thinking of you a lot lately“ – das muss das Wetter sein, denkt sie und schickt wieder ein paar Zeilen zurück.

„Die große Freiheit gibt’s in jedem Hafen und darum, Seemann, hab ich Angst um dich.“

Sie denkt an ihren Kapitän. Da ist viel „mit“. Wenig „ohne“. Auf jeden Fall auch viel dazwischen.

„Man kann sich in dieser Stadt seiner eigenen Bratwurst nicht mehr sicher sein“, hatte eine Frau heute im Supermarkt gesagt. Sie trinkt einen Schluck Spezi und greift in die Gummibärchentüte. Ohne Gelatine.

Der Kapitän schickt ihr Fotos von seinem Abendessen. Viel Fleisch. Viel Sauce. Er schickt noch viel mehr. Immer mehr. Und sie auch. Nein, es ist schon lange kein „Ohne“ mehr. Aber wie viel „Mit“ genau?
Wie viel braucht es? Wie viel Gefühl braucht es, reicht nicht schon ein einziges? Müssen erst viele verschiedene zusammen kommen, damit man dieses schweres Wort gebrauchen kann? Wieso eigentlich „schweres Wort“?! Wo kommen plötzlich wieder all die Fragen her? Hilfe. Und wer verdammt, entscheidet das? Und wieso …

„Was machst du gerade?“, schreibt der Kapitän.
„Ich denke über Wurst ohne Fleisch nach.“
„Die ist nicht ohne Fleisch, die ist mit Chemie.“
„Ohne ist das neue Mit.“
„Ich weiß gerade nicht, ob du dich aufregst oder dich freust.“
„Ich auch nicht.“
„Dann gehe ich jetzt Waffeln backen.“
„Mit was?“
„Waffeleisen.“

 

 

Kursiv: „Die Grosse Freiheit Gibt´s In Jedem Hafen“ von LALE ANDERSEN

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s