Valentin

Sie sammelt die verwelkten Tulpenblüten vom Tisch und schmeißt sie in den Müll. Tulpen im Winter, scheiß Erfindung, denkt sie.
Da klingelt das Telefon.
„Ausgerechnet. Nach dir kann man wirklich den Wecker stellen. Ich sag es dir gleich, ich bin todmüde. Letzte Nacht habe ich wieder stundenlang telefoniert und wieder sind wir zu keinem Ergebnis gekommen …“
Das andere Ende lacht. „Es war doch gerade so schön ruhig bei dir! Wie schaffst du es nur immer, dich in solche Konstrukte zu verstricken?“
„Sag du es mir. Ich habe das Gefühl, ich schaue mir selbst in einer tragischen Komödie zu. Liegt bestimmt an der Jahreszeit …“
„Wie war denn dein Valentinstag?“
Jetzt müssen beide herzhaft lachen.
„Es war ein stürmisches Hin und Her. Es war dunkel. Laute Musik. Ich bin ganz schön ins Schwitzen gekommen. Herausfordernde Blicke, verbissenes Kämpfen. Am Ende haben dann beide irgendwie gewonnen. Wie jede Woche eben …“
Das andere Ende schweigt kurz.
„Fast hattest du mich!“

„Zurück zum Thema. Wir müssen uns nicht groß über die Blumenmafia unterhalten, oder? Weißt du, früher“, bei diesem Wort war vom anderen Ende der Leitung ein merkliches Grunzen zu vernehmen, „ja, lach nur. Also früher, da dachte ich, dass ich in meinem Alter jetzt ganz woanders sein würde. Beziehungstechnisch. Verheiratet mit drei Kindern und einem Haus mit Garten.“
„Das dachtest du wirklich?“
„Du nicht? Das denkt doch jeder gegen Ende der Schulzeit. Schnell das Studium oder die Ausbildung durchziehen. Spätestens da trifft man dann den Menschen fürs Leben und dann: zackizacki.“
„Auf wie viele Menschen in deinem Abschlussjahrgang trifft das heute zu?“
Sie denkt kurz nach und sagt dann: „Ich wurde nicht zur Hochzeit eingeladen, wenn es eine gab …“
„Siehst du.“
„Ja, aber trotzdem haben wir es doch gedacht, oder? Wer konnte denn damals wissen, dass wir zu dieser bekloppten Generation Y gehören. Die, die alle ihren Arsch nicht hoch bekommen und davon träumen, ein Start-up neben einer Surfschule am Strand zu errichten. Selbstverwirklichung, live your dream. Stattdessen landet man dann in Berlin und wird job- und liebestechnisch durchgenudelt, bis man im Rinnstein aufwacht.“
„Das klingt jetzt aber verbittert. Das ist doch kein Generationenproblem, das ist ein Marketingproblem. Wo wir wieder beim Valentinstag wären, übrigens. Heute wollen viele ihr Leben anders leben als ihre Eltern oder die Generationen davor. Wir haben die Wahl, wie und wen wir lieben. Das ist toll und einfach überfordernd. Vorbilder: Werbung. Die Testreihe muss man selber durchführen.“

„Ja, Testreihe. Ich will in niemandes Testreihe eine Testperson sein. Und ich will auch selber keine durchführen. Immer, wenn ich vom Hin und Her müde bin und endlich meine Ruhe habe, geht das Spiel von vorne los. Aber ich will entweder ganz oder gar nicht.“
„Dafür suchst du dir ja jedes Mal die passendsten Typen aus …“
„Halt die Klappe.“
Und sie müssen wieder beide lachen.

„Was ist eigentlich aus deinem Kino-Date geworden?“, fragt das andere Ende.
„Es gab keins. Ich weiß noch nicht, ob ich darauf eingehen soll.“
„Aber warum denn nicht? Du beschwerst dich über das Durcheinander und die Schnelllebigkeit zwischenmenschlicher Beziehungen und gehst dann nicht auf eine klassische Kinoeinladung ein?“
„Er ist fünf Jahre jünger, er will mir bestimmt nur an die Wäsche.“

„Fünf Jahre jünger“, wiederholt das andere Ende gespielt genervt. „Gehört er dann nicht schon fast zur Generation Z? Die sollen doch alle so spießig sein. Das klingt doch genau nach dem, was du suchst. Sag zu und halt mich auf dem Laufenden.“
„Du willst, dass ich die Generation Z für dich teste? Verräter!“

Die Gesichtsmuskeln tun schon weh vom Lachen, als sie schließlich auflegen. Sie schaut auf ihr Handy. Eine Nachricht vom Kino-Typ. „War ich zu forsch?“
Scheiß Werbung. Scheiß Marketing. Scheiß Valentin. Scheiß Generation. Was soll’s, denkt sie.

„We’ll choke on our vomit and that will be the end. We were fated to pretend.“

 

 

Kursiv: „Time to Pretend“ von MGMT

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