Auszug

Sie tritt aus der Tür und macht ihre Jacke zu.
Sie ist auf dem Weg nach Hause. Hüpft über Schneematsch.
Die Trinkflasche mit dem Rest Weißwein drückt sie in der Tasche im Rücken. Sie schubst den Rucksack zurecht und biegt um die Ecke. Popcornkrümel piksen in ihr Zahnfleisch.
Als sie über die Straße geht, sieht sie die Coole mit zwei Frauen an der Ecke vor einem Restaurant stehen.
Sie geht an ihnen vorüber, die Coole ist ins Gespräch vertieft und bemerkt sie nicht.

Eine Frau kommt ihr entgegen. Kurz bevor sie aneinander vorbeigehen, rülpst diese laut in die Nacht.
Sie muss kurz grinsen.

Freiheit. Tun und lassen, was sie will. Fast. Aber die Arme sind schwer. Muskelkater von gestern.

Die Wissende sah gestern müde aus. Sie fragte „Und?“.
„Es ist schwer.“
„Ja, aber das wird wieder anders …“

Wenig später betraten sie gemeinsam den Container, holten den Schlüssel und fuhren dann in die Wohnung der Wissenden.
„Das kommt mit und das kommt mit und das kommt zu meinen Eltern.“

Die Wichtigen der Wissenden waren fast alle da. Zusammen trugen sie alles ins Auto. Schnell und wortlos eingespielt. Als würden sie jeden Tag nichts anderes machen. Wie Hebammen. Einem neuen Leben auf die Welt helfen.

Sie holt das Handy aus der Tasche und schaltet es wieder ein.
„Hey, wie geht es dir heute? Hast du gut geschlafen?“
„Ja, ziemlich lange. Und der Verkehr der Straße war nicht so ungewohnt wie der Verkehr auf der anderen Seite der Wand.“
Sie lachen.
Erleichterung.
Es wird schon.

Sie ist an ihrer Wohnung angekommen. Zieht den Schlüssel aus der Tasche. Wärme empfängt sie. Und Stille.
Turnschuhe aus und den Wasserhahn im Badezimmer an. Kalte Füße.
Musik anmachen? Lieber nicht. Still hört sie dem tropfenden Wasserhahn zu, während sie in der heißen Badewanne liegt. Eine Stunde später ist das Wasser kalt, obwohl sie immer wieder neues nachgelassen hat. Sie macht Wellen. Denkt an das Boot, das ihre eigenen Wellen ganz durcheinander gebracht hat. Dann wird die Wasseroberfläche wieder glatt.
Was jetzt?
Schnell raus. Schnell abtrocknen. Schnell anziehen. Schnell die Füße unter die Bettdecke, bevor sie wieder kalt werden.
Die Decke ist groß. Sie kann sich drei Mal darin einrollen. Niemand da, der sie wegnimmt. Niemand da, der sie in den Arm nimmt.

Sie denkt wieder an die Wissende. Holt ihr Telefon hervor.
„Melde dich, wenn dir morgen einsam ist. Ich hab noch keine Pläne.“
„Danke, das werde ich sogar bestimmt machen.“

Irgendwann sind sie beide eingeschlafen.
„Niemand weiß, wohin es heute geht, am Ende bleibst du einfach stehn. Bist du am Ende – reich ich dir meine Hände.“

 

 

Kursiv: „Komm mein Mädchen“ von MIA.

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