Ahoi

Eine stinkende Fahne weht durch das Flugzeug. Das hatte gerade noch gefehlt. Sie war früh aufgestanden. Ein bisschen steckt ihr die Hektik des Morgens noch in den Knochen. Jetzt sitzt sie eingeengt zwischen einem Geschäftsmann und einem, der aussieht, als sei er vor langer Zeit mal Geschäftsmann gewesen.
Inlandsflüge. Die Pest, findet sie.
Die stinkende Fahne kriecht ihr noch immer die Nase hoch. In der Reihe vor ihr prosten sich zwei schmierige Typen mit ihrem Wodka Energy zu. „Schönen Tag gewünscht“ und weg damit. „Schmeckt man gar nich, wa?“ Kostet 8 Euro.

Die Sonne brennt durch das Fenster. Geschichten von der letzten Poolparty im All-Inclusive-Türkei-Urlaub kommen jetzt in der Reihe vor ihr auf den Klapptisch. Jet-Ski Einzeltraining kostet 700 Euro. Normaler Preis. Zigarettenlache.
Die Stewardessen versuchen nicht mal, ihr Lächeln natürlich wirken zu lassen. Ihr Make-up auch nicht.

Nur noch 40 Minuten, dann hat sie es geschafft, denkt sie. Dann spricht sie ihr linker Sitznachbar an.
„Auch geschäftlich unterwegs?“ – „Ja.“
„Sieht man.“ – „Ja.“

Sie setzt ihre Kopfhörer wieder auf, verflucht die Fluggesellschaft, die noch kein W-Lan über den Wolken angeschafft hat.
Auf der anderen Seite des Ganges, drei Reihen hinter ihr, sitzt die Seele. Wie gerne würde sie jetzt mit ihr über die Wodka-Prolls lachen, über den Förster aus Reihe 12 spekulieren oder sich auf den gemeinsamen Arbeitstag freuen.

Am andern Ende des Landes angekommen empfängt sie ein sonniger Morgen mit eisigem Wind. Raus aus dem Flugzeug. Rein in den Bus. Darüber könnte sie sich auch ärgern. Macht sie aber nicht. „Zeitverschwendung“, denkt sie und grinst mit der Seele um die Wette. Sie können es kaum erwarten.

Die Messe verläuft wie erwartet. Menschen stellen Fragen. Menschen antworten. Menschen kaufen, Menschen verkaufen. Irgendwo erleichtert sich in diesem Moment ein Besucher in einem Ausstellungsstück.
Sie sitzt mit der Seele in einem der unzähligen Pavillons. „Meine Güte habe ich trockene Lippen!“
Alle warten auf den Feierabend und die große Party im Anschluss. Endlich ein Gong. Zusammen mit der darauf folgenden Durchsage hört man die ersten Kronkorken klingend auf den Boden fallen. Die Halle hüllt sich in Zigarettenqualm.

Die Musik dröhnt laut, als die beiden sich ihren Weg zu den anderen durch die Menge bahnen. In beiden Händen Gläser. Heute gibt es was zu feiern. Noch 12 Stunden bis das Flugzeug geht.
„Sie spielen unser Lied!“, ruft sie laut, da schwingt die Seele ihre Arme schon in die Luft. Ausgelassen. Rote Wangen. Sie brauchen nichts und niemanden.

Drei Stunden später steht sie abseits der anderen neben der Bar. „Ich glaube, du würdest mich jetzt gerne küssen“, sagt sie leise, aber gerade so laut, dass nur der Kapitän es durch die Geräuschkulisse hören kann. Dann fasst er sie um die Taille und drückt seine Lippen auf ihre.

„Today is gonna be the day that they´re gonna throw it back to you“

 

 

Kursiv: „Wonderwall“ von OASIS

 

 

 

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