Stille Nacht

„Ich lass das. Immer setzen wir so viel auf Gefühle und dann verändern sie sich doch so schnell. Ich glaube dem Ganzen nicht mehr.“ Sie ist ein bisschen überrascht von seinen Worten.
„Ich glaube, ich wär’ gerne Porno-Regisseur!“
Jetzt lacht sie laut auf und dreht ihren Kopf in seine Richtung. „Was? Porno-Regisseur? Wieso denn das? So richtig mit Zuhälterbärtchen und ganz dolle viel Klischee?“, fragt sie ihn. „Ja. Ich will dann auch rosa Plüschpantoffeln tragen und den ganzen Tag nur Bademantel.“ „Und Goldkettchen?“ „Und Goldkettchen!“ Sie lachen beide.
„Nee, echt mal. Ich wollte das schon immer mal ausprobieren. Nur dazu braucht man eben erstmal ’ne Idee. Und natürlich Darsteller.“ Er schaut an die Decke und macht ein nachdenkliches Gesicht. „Eine Idee?“ Sie muss sich das Lachen verkneifen, hört auf, seinen Nacken zu streicheln, und setzt ebenfalls ihr Grübelgesicht auf. „Hm. Ich glaube, da bin ich voll raus. Da kannst du nicht so auf mich zählen.“ Sie hat plötzlich all die vielen anderen Porno-Klischees im Kopf. Der Kopf findet das lustig. Aber der Bauch nicht. Er schaut sie grinsend an und sagt: „Dich wollte ich jetzt nicht als Pornosternchen vermarkten, keine Angst.“
Vor einer halben Stunde auf der verschneiten Straße vor seinem Haus. Es war still, keine Autos, keine Fußgänger. Plötzlicher Schneefall und die späte Stunde hatten alle zu Hause eingesperrt. Doch sie war unterwegs. Kalte Nachtluft wehte ihr Schnee ins Gesicht. Sie schaute ratlos vom schwarzen Handydisplay auf und die Straße entlang. Klingeln ging nicht. Er war ja gerade erst eingezogen. Klingelschilder aktualisieren, das ist auch immer das Letzte, woran man denkt. Der Späti-Verkäufer hatte dann das rettende Ladekabel parat. Und ein Taschentuch für die verschneite Schminke. Kurze Zeit später stand sie dann in seinem neuen Zimmer.
„Wie gefällt es dir?“, fragte er. „Du hast ja sogar eine richtige Lampe!“, antwortete sie überrascht. „Ja. Aber die war schon da.“
Jetzt liegen sie nebeneinander in seinem Bett. Sie trägt Ski-Unterwäsche unter ihren Klamotten. Darauf seine Hand und darüber die Bettdecke. Endlich warm. Sie denken laut und reden leise. Sie lachen und werden manchmal kurz ernst.
„Ich kann gar nicht mehr richtig schlafen in letzter Zeit. Da tobt so viel in meinem Kopf. Ich weiß nicht mal, ob ich gerade gute oder schlechte Laune habe.“ Sie hat wieder das Grübelgesicht aufgesetzt. „Ich entscheide mich für die gute Laune. Nur das mit dem Schlafen, das ist echt nicht gut.“ Während sie das sagt, fallen seine Augen immer wieder zu.
„Glaubst du … Nein … Ich glaube, dass du mal etwas machen wirst, was die Welt verändert. Im Positiven. Etwas Großes. Du wirst was hinterlassen, da bin ich mir ziemlich sicher“, murmelt er dann.
„Wie kommst du darauf?“
„Du bist besonders. Außerdem bist du eine Frau. Jetzt ist die Zeit der Frauen.“
Sie gehen beide noch eine Weile ihren Gedanken nach, dann sagt sie: „Ich gehe jetzt nach Hause.“ Sie steht auf und sucht Jacke, Schal und Mütze zusammen. Im Flur zieht sie die Winterstiefel an.
Keine alten, keine neuen und keine enttäuschten Erwartungen begleiten die beiden zur Tür. Eine lange Umarmung, dann stapft sie wieder hinaus in die stille, weiße Nacht.
„Fühlt sich gut an“, denkt sie und zieht den Reißverschluss der Jacke noch ein Stück weiter nach oben.

„It’s all you. You’re all around me. Blue.“

 

 

Kursiv: „Blue“ von ALLE FARBEN

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