Himbeerlila

„Und? Wie läuft es so mit den Männern?“ Diese ständige Frage, meist direkt der Frage nach dem Befinden angestellt. Sie hört sie heute nicht zum ersten Mal.

„Was macht die Liebe?“ „Gibt es jemanden in deinem Leben?“ „Was machen die Männer?“ Oder im schlimmsten Fall: „Lange nicht gefickt, oder warum bist du so mies drauf?“

„Sag mal, willst du darauf jetzt wirklich eine Antwort? Oder stellst du die Frage nur, weil du nicht weißt, was du sonst fragen sollst?“, meckert sie ein bisschen beleidigt ins Telefon. Am anderen Ende Schweigen. Ja, was soll man darauf schon antworten.

Da beschließt sie sofort, für sich darauf zu achten, niemals selbst so eine dämliche Frage zu stellen.
„Mich persönlich interessiert es nie explizit, wie es bei anderen ,mit den Männern‘ läuft. Wenn ich jemanden nach seinem Befinden frage, dann, weil ich daran interessiert bin zu wissen, wie es dem Menschen geht. Und wenn dieser Mensch dann das Bedürfnis hat, mir von seinen Problemen oder Erlebnissen mit Männern, Frauen, Haustieren, Kindern oder Segelbooten zu erzählen, dann soll er das gerne tun. Es kommt mir so oberflächlich vor. Reagiere ich über, wenn ich es als unhöflich empfinde, von allen Seiten nach ,meinen Männern‘ gefragt zu werden?“
„Wenn du ein Segelboot hättest, oder Haustiere, vielleicht würden dich dann mehr Menschen nach solchen Dingen fragen. So eine Frage zeigt ja ein besonderes Interesse an diesem Thema. Vielleicht sogar, dass die fragende Person sich mit dir und dem, was dich umtreibt, sehr wohl beschäftigt“, kommt es vom anderen Ende der Leitung.

„Es erschreckt mich so. Es lässt mich aufhorchen.“

„Was antwortest du denn normalerweise?“, fragt das andere Ende.
„Ich sage, dass ich mit mir selbst zufrieden bin“, antwortet sie.

Das andere Ende lacht. „Jaja, wie immer. Warten wir mal nächste Woche ab.“

„Siehst du, genau diese Reaktion ernte ich jedes Mal. Das lässt mich noch schwerer schlucken. Ich meine das nämlich so. Und mein Umfeld lacht mich dafür aus. Sie meinen es bestimmt nicht mal böse. Wie bei jemandem, der aufhört zu rauchen. Jeder lacht. Im Büro werden Wetten abgeschlossen, wann man wieder anfängt. Der Unterschied ist aber, dass ich nicht verzichte. Ich habe einfach mein Leben und meine Interessen ein bisschen umsortiert.“ Das andere Ende schweigt dazu, dann: „Aber vermisst du nichts? Fällt dir das nicht schwer? Alleine sein kann doch, vor allem in dieser trüben Jahreszeit, echt traurig sein. Was ist mit den Abenteuern, die man erlebt und teilen will? Was ist mit den Gesprächen, mit Träumen und Luftschlössern, die man mit einem Partner baut?“

„Ja, guter Punkt. Ich erlebe ja ständig Abenteuer. Merke es nur nicht, wenn ich mich damit beschäftige, meine angebliche Einsamkeit zu bedauern. Ich habe Freunde, ich habe Familie. Ich bin nicht allein. Abenteuer sind außerdem nicht nur zum Teilen da, sondern vor allem, um für sich selbst etwas zu lernen.“

„Hm, ja. Aber ich denke trotzdem, dass der Mensch nicht ohne Gegenüber auskommt. Dass man jemanden braucht, der einen mal mitzieht, motiviert. Den man selbst mitziehen kann. Der einem den Spiegel vorhält. Man steht gemeinsam Dinge durch. Man ist füreinander da. Man fängt sich auf. Man umsorgt sich. Man liebt sich“, wirft das andere Ende ein.

„Ich möchte das gerne auch für mich selbst können“, antwortet sie. „Ich habe viel zu lange Erwartungen gehabt, die mein Gegenüber logischerweise nicht immer erfüllen konnte. Das nervt mich an mir selbst. Ich bin es eben satt, zu erwarten, dass mein Gegenüber mein Gegenstück ist. Mein Retter in der Not und mein Anker im Sturm. Der will ich selber sein. Ich bin eher so für das Miteinander. Mit meinen Freunden. Mit mir. Mit meiner Familie. Außerdem wäre ich doch bekloppt, wenn ich trotz der vielen schönen Menschen um mich herum unglücklich bin, nur weil da kein Mann ist, der gerade mit mir läuft. Naja, mal sehen, wann ich da ankomme.“

„Ich trau mich nicht alleine“, sagt das andere Ende. „Und außerdem könnte ich gar nicht ohne Sex!“

Jetzt muss sie lachen. „Es gibt nicht immer nur Schwarz und Weiß.“

„Oh Mann, so ein simpler Satz. Manchmal gehört der uns echt auf die Bindehaut tätowiert.“ Am anderen Ende atmet es hörbar laut aus. „Also was denkst du so gerade? Bei welcher Farbe bist du?“

Sie lacht. „Vergiss es. Ich weiß schon, wie du mir das auslegen würdest. Übrigens: Ich habe aufgehört zu rauchen!“

Schmunzelnd legt sie auf, legt sich aufs Sofa und dreht die Musik wieder lauter.

„Alles so wie ichs mir denk, endlich perfekt. Ich hab hier alles, was mir lieb ist. Das Abendrot färbt die Wellen violett. Ich bleib einfach ich selbst, der Rest ergibt sich. “

 

 

Kursiv: „Hymnen“ von GERARD

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