Ovationen

Etwas hat sich geändert. Sie zieht ihre Turnschuhe im Flur an. Ein letzter Blick in den Spiegel, Unsicherheit.
Dann nimmt sie so selbstbewusst, wie sie kann, ihren Schlüssel, das Handy und geht aus der Tür.

Sie steht inmitten lauter Unbekannter. Alle blicken in Richtung der kleinen Bühne, nicht weit von ihr entfernt. Der Laden ist winzig und voll.
„Meine Versagensangst lässt Panzer rollen. Ich will mit allem aufhören, doch weiß nicht, wo ich anfangen soll.“
In der Menge sieht sie alle.
Ihn, Marokko, die Coole, den Wikinger, den Sanften, den Ritter, den Anderen und die unzähligen davor.

„Wie die Zeit vergeht, wenn alles einfach weitergeht und man keine Entscheidung trifft, wacht man irgendwann auf und sieht, wer man eigentlich ist. Ich kann mir selbst nicht mehr vertrauen.“
Ihr Hals schnürt sich langsam zu. Niemand ist da, bei dem sie sich jetzt anlehnen könnte. Niemand ist da, der die schnell strömenden Tränen jetzt von ihren Wangen küssen könnte. Das Licht blitzt schnell, grell. Ein Epileptiker würde spätestens jetzt nach Hause gehen, wenn er noch könnte, denkt sie kurz.

„Liebe gibt’s wie Sand im Getriebe, sagt ’ne Pfandsammelmaschine.“
Die Tränen tropfen von ihren Wangen. Es ist ihr egal, wer sie jetzt so sieht. Keiner kennt sie hier. Sie will keinen kennen. Einfach nur da sein. Allein. Mit sich. Alle Gefühle aufsaugen, die da gerade heraussprudeln. Aufsaugen, noch einen Moment daran festklammert. Bevor sie endlich für immer verschwinden.

„Und jetzt reite ich einfach bis ans Ende der Welt. Habe mich zu lange gehen lassen, um den ganzen Weg zurück zu joggen hab ich nicht genug Training gehabt.“
Sie wird es geschehen lassen. Wird ziehen lassen, was zieht und umarmen, was bleibt.
Das blitzende Licht taucht alles in eine Unwirklichkeit. Surreal. Die Zeit bleibt stehen. Sie klammert sich an ihrem Becher mit Bier fest und versucht sich nicht zu verlieren. Und es gelingt ihr. Zum ersten Mal.
Ihre Stimmung kippt.
Ein warmes Rauschen durchströmt ihren Körper.

„Der Misserfolg gibt mir Unrecht.“

Schluss. Ende.

Nach dem Konzert steht sie draußen an der kalten Luft. „Kann ich dich mal anschnorren“ sind ihre ersten Worte seit Stunden. „Hier meine letzte. Hey, was wäre die Welt ohne Menschlichkeit?“, sagt die Frau und zwinkert. „Danke!“
Sie beschließt, nach Hause zu gehen. Stellt sich in die Garderobenschlange. „Kennst du John Lennon nicht?“ „Hä, doch, klar“ „Wann kommt denn jetzt die letzte Bahn?“ „Hey wenn der mich noch einmal anruft, dann sag ich seiner Freundin alles!“ Gesprächsfetzen, die sie schmunzeln lassen.

Sie macht sich auf den Weg zum Ausgang. Da sieht sie ihn. Er steht da, umringt von jungen Mädchen. Sein Blick schweift immer wieder in die Ferne. Sie geht trotzdem hin. „Das war mein erstes Konzert ganz alleine und ich wollte ,Danke‘ sagen.“ Als er ihre Worte hört, schaut er sie direkt an. Lächelt. „Danke. Man sollte viel öfter alleine auf Konzerte gehen …“
„Wie recht du hast.“ Sie umarmt ihn, zieht den Reißverschluss ihrer Jacke nach oben und macht sich auf den Weg.

 

 

Kursiv: „Der Misserfolg gibt mir Unrecht“ von MAECKES

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