Der Vorhang fällt

Die letzten Stunden an verschiedenen Flughäfen haben müde Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen.
Sie steht am Gepäckband und seufzt.
Erinnert sich an die Worte der Coolen: „So geht das nicht weiter.“

Die letzten Wochen, reiner Nervenkitzel. Und wie das so ist mit dem Kitzel, es tut manchmal weh, aber irgendwie will man nicht, dass es aufhört. Bis man weit über den Punkt hinausgeht, an dem das Lachen zu Schmerz wurde.

Ausgang. Frische Luft. Bushaltestelle. Die Sonne ist das Einzige, was in ihren Augen brennt. Nicht mehr lange.

„Wir erreichen nun unsere Endhaltestelle“ – da steht er, in glänzender Ritterrüstung.
Sie hat sich keine Gedanken gemacht, wie das jetzt hier ablaufen wird. Er nimmt sie in den Arm und dann fühlt sie sich wieder stark.

Vertraute Momente. Das Lachen, die Witzeleien, die Nähe.
Nur ihren Kopf kann sie nicht an ihn lehnen, als sie nah beieinander auf der Rolltreppe stehen. Seine Hand nicht mehr nehmen. Ihr Gesicht nicht mehr in seinen Hals drücken und seine Wärme einatmen. Ihn nicht mehr küssen, so wie sie es gerne tun würde. Und dann spürt sie den Kloß im Hals.

„Lass uns was essen gehen“ – wie früher. Da verschlangen sie alles. Besonders sich gegenseitig.
Doch die Zeit rennt. Sie wird nervös. Los jetzt. „Ich muss jetzt noch etwas sagen…“, beginnt sie. Und dann sprudeln die Tränen und die Worte. Von verpassten Chancen, von verwirrenden Momenten, Schicksalsschlägen, die alles aufmischen, großen und kleinen Gefühlen. Entschuldigungen. Und er hört zu und sie schauen sich an und alles fühlt sich richtig an.

Sie ist erleichtert und zugleich so traurig.
Im selben Moment hat sie eine große Liebe begraben und einen guten Freund gewonnen. Das ist viel, auch für das größte Herz.
Das war wichtig.
Jetzt kann sie dieses Jahr mit reinem Gewissen und einem aufgeräumten Gefühl ziehen lassen.
Eine Weile flanieren sie noch zusammen durch die Straßen. Zwei Leben, aber eine Verbundenheit, die nichts trennen kann.
Das sichere Gefühl macht sich wieder breit. Sie wird noch lange davon zehren. Dann fährt ihr Bus. Im Gepäck Lachen, Hoffnung und Mut. Im Gesicht verquollene Augen und nasse Wangen. Sie fährt glücklich und todtraurig dem Neuanfang entgegen. Nur eine Handvoll Worte sind da noch, die ihr mal wieder nicht über die Lippen kommen wollten. Sie spuckt sie gegen die Scheibe in die kalte, dunkle Nacht.

„Ich hab dich geliebt.“

Und nachdem die Worte endlich raus sind, ist da Platz. Platz für sie selbst.

„Ich bin nicht immun gegen Gegenwind, doch ich lauf los.
All die schönen Erinnerungen, ich halt sie hoch.
Fühl mich ein Tag schwach, ein Tag wie neugeboren.
Ich will Altes nicht bekämpfen, ich will Neues formen.“

 

 

Kursiv: „Neuanfang“ von CLUESO

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