11. Akt

„Was ich am Winter liebe, das sind die ruhigen Momente. Die Stille. Man reflektiert ganz anders.“ Der Andere nickt und sagt: „Ja, ich liebe am Winter einfach alles. Von mir aus kann es immer Winter sein.“
Dieser Winter, für einen Moment ausgesperrt, greift ihnen schnell an die Kehle, als sie aus dem Auto aussteigen. Der Himmel ist tiefgrau.

Drinnen ist es warm. Ein Tellerberg hat sich bald vor ihnen aufgestapelt. Sie reden wie immer. Hin und her. Ernsthaft oder mit einem zwinkernden Auge kommt ein Thema nach dem anderen auf den Tisch. Am Fenster fährt der dritte Rettungswagen vorbei. Doch sie bleiben in ihrer Blase sitzen.
Die Menschen um sie herum gehören in die richtige Welt. Die Italienerinnen hinter ihm. Der Neuseeländer mit seiner New Yorker Freundin am Nebentisch. Die Franken um die Ecke. Von überall kommen sie und sammeln ihre Erinnerungsfotos. Alle werden später ihren Freunden davon erzählen. Sie nicht. Es wird keine Fotos geben. Niemand außer ihnen wird von diesem Abend wissen.

„Ich glaube nicht an Zufälle“, sagt er dann. „Dass wir uns über den Weg gelaufen sind, das war kein Zufall. Ich habe das abgepasst. Ich wollte dir über den Weg laufen und es hat funktioniert.“ Er muss grinsen.

Sie wünscht sich kurz, sein Plan wäre nicht aufgegangen. Verschluckt sich an dem Wort „Plan“. Ihre Narben fangen warnend an zu jucken, nur um ihm dann ein weiteres warmes Lächeln zu schenken und kurz nach seiner Hand über dem Tisch zu greifen.
Realistisch kann sie. Realistisch will sie nie.
Mit ernsten Gesichtern ziehen sie irgendwann ihre Jacken wieder an. Sie atmet noch einmal die Zweisamkeit ein. Blickt wehmütig zum Pärchen am Nebentisch.

Wie traurig. Nach einem guten Essen will man nie wieder an anderes Essen denken. Man ist satt. Man denkt, man könnte ewig davon zehren. Aber spätestens am nächsten Tag kommt wieder der Hunger.

Hagelkörner knistern in der Nacht vor dem Fenster.
Sie halten sich stumm fest. Es gibt nicht mehr viel zu sagen.
Sie denkt an die letzten Wochen. An die vielen langen Nächte. An jeden Kuss und jeden Blick. Schmunzeln und zwinkern. Zufällige Berührungen, unbeobachtete Berührungen, tiefe Berührungen.
Doch der Frost von draußen erstickt jeden aufkeimenden Gedanken an Frühling.

Es ist viel zu früh, als er sie weckt. Viele kleine Küsse in ihrem Gesicht. Nur langsam wird ihr bewusst, was das bedeutet. Diese Küsse sind abgezählt, es sind die allerletzten. Kleine, heiße Tränen rollen leise über ihr Gesicht.

„Silent heart, feel your hands before the night I´m seven hours north. The binds are tied as we bide our time again.“

An diesem Morgen ist alles wie immer und alles anders.
Er steht auf und zieht sich an. Im Halbdunkeln erhascht sie noch einen letzten Blick auf seinen perfekten, nackten Körper. Sie wird ihn vermissen. Den Körper und alles, was dahinter steckt. Sie wird den ganzen Mann richtig vermissen, das ist nicht erst jetzt klar.
„Du musst nicht traurig sein“, ein Satz, der sie fast wütend macht. Warum nicht, möchte sie fragen. „Es gibt aber einen Grund, warum ich traurig bin“, sagt sie. „Ja, für mich auch“, flüstert er dann, auf der Bettkante sitzend. Er nimmt sie in den Arm. Ihr Herz schlägt mit jedem Schlag fester gegen die kalte Hülle, die sich langsam immer enger schließt.

Er packt seine Zahnbürste ein. Er geht. Eine Szene, die von Anfang an im Drehbuch stand.

Und doch hält sich das Leben mal wieder nicht an dieses Drehbuch. Eine Stunde später sitzen sie in seinem Auto, er nimmt sie doch noch ein Stück mit. Sie lachen. Sind gelöst. Es fühlt sich für einen kurzen Moment an wie immer.
Dann hält er an. „Fahr vorsichtig.“ „Mach’s gut.“ Er lehnt sich zu ihr rüber und küsst sie. Sie steigt aus, dreht sich dann noch einmal um und winkt. Eine Trennung nach der Trennung ist nur halb so schwer.

Ein paar Stunden später wird er Hunderte Kilometer weit weg all ihre Nachrichten gelöscht haben.

Er wird bei der Frau ankommen, der er sein Herz geschenkt hat.

 

 

Kursiv: „Seven Hours“ von LITTLE MAY

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