10. Akt

Sie konzentriert sich und probiert es wieder. Einen kurzen Augenblick später knallt sie mit voller Wucht aufs Eis. „Es ist wie verhext. Wenn du nicht schaust, dann fahre ich rückwärts wie eine Eisprinzessin. Kaum schaust du her, leg ich mich flach.“
„Du musst einfach lockerer in der Hüfte werden“, sagt der Andere und macht es ihr grinsend vor. „Als ob ich das nicht schon lange bin“, grummelt sie vor sich hin und fährt an ihm vorbei.

Die Sonne war gerade untergegangen und die Eisbahn, auf der sie seit einer Stunde ihre Runden drehen, durch den Abendhimmel in ein bläuliches Licht getaucht. Drumherum stehen funkelnde Buden, es riecht nach Glühwein und gebrannten Mandeln.
Immer wieder blicken sie sich um. Wer steht an der Bande und beobachtet sie?
Als die Eismaschine halbherzig Wasser auf dem Eis verteilt, stehen beide ungeduldig draußen. Sie zieht ihre Jacke über den Kopf und gibt ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange. „Wann kommen die anderen?“, fragt sie zum fünften Mal. „Ich weiß es nicht genau. Jetzt oder in einer Stunde. Ich kann es nicht genau sagen“, er wirkt abwesend.
Dann geht es weiter auf der glatten Fläche, die viel zu schnell wieder voller Furchen ist.
Ein Haufen kleiner Jungs stolpert auf ihn zu. Sie fragen ihn, ob er ihnen Tricks beibringen kann. Sie bleibt am Rand und beobachtet das Spektakel. Die Zwerge purzeln herum, während er auf einem Bein fährt. Dann nimmt er den Kleinsten an die Hand und fährt eine Runde mit ihm.

Sie reibt sich das Knie. Der blaue Fleck wird in ein paar Tagen nicht mehr zu sehen sein. Etwas zieht sich in ihr zusammen.
Sie muss kurz in den Himmel schauen. Blinzeln.
„Ein Déjà-vu?“, grübelt sie, kurz bevor er sie aus den Gedanken reißt.
„Es ist sehr schön mit dir hier“, sagt er.
Sie schauen sich an, müssen nicht mehr sagen und es fällt ihr wieder ein. Und sie weiß, dass es zu spät ist.

„It´s fine the way you want me on your own. But in the end it´s always me alone. And I´m losing my favourite game.“

Die anderen sind da. Sie gibt als Erstes auf und wechselt die Kufen gegen ihre Turnschuhe. „Was trinkt ihr?“
Er kommt eine halbe Stunde später nach. Die kurze Illusion verflogen. Mit den Turnschuhen sind sie wieder in ihre alten Rollen geschlüpft. Der Abend endet wie immer mit diesem besonderen Spiel.

„Sehen wir uns bei mir?“, fragt sie ihn flüsternd. „Wie immer“, antwortet er, als sich ihre Wege später trennen.
Trotz der Routine bleibt ihre Nervosität die gleiche. In den Spiegel schauen, Herzklopfen, Türklopfen, Küsse, Umarmungen, ausziehen.

„Es ist schön mit dir“, sagt sie diesmal zuerst, den Kopf auf seiner Brust. Jede Nacht der kurze Wunsch, mehr Zeit zu haben, mehr Küsse, mehr Worte. Sie wissen es besser und schlafen, wie immer, viel zu spät nebeneinander ein. Am nächsten Morgen wird der Wecker wieder alles beenden.
Einer weiteren unvernünftigen Nacht folgt immer ein weiterer vernünftiger Tag.

 

 

Kursiv: „My Favourite Game“ von THE CARDIGANS

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s