9. Akt

Sie sitzt in ihrem Schloss. Ein schönes Schloss, groß und prächtig. Mit breiten Mauern. Jahrelang hatte der Bau gedauert. Gestaltet ganz nach ihren Vorlieben und ihrem Geschmack. Hin und wieder kommt ein Hofnarr vorbei. Hinter diesen Mauern geschieht alles nach ihrem Willen.
Um das Schloss und seinen Garten gibt es einen gewaltigen Graben. So tief, dass man an manchen Stellen den Grund nicht erkennen kann.
Über den Graben verläuft eine Zugbrücke, breit und stark. Oft ist sie heruntergelassen.
Die Gäste gehen ein und aus. Von allen Teilen der Erde sind sie zu Besuch. Bringen ihre Gaben und es werden Feste gefeiert. Es ist ein Ort, an den man gerne kommt. Solange die Zugbrücke heruntergelassen ist.

Vor dem Schloss und seiner Brücke stand der Ritter so viele Male.
Jedes Mal, wenn sie ihn von ihrem Turmfenster aus sah, freute sie sich. Er war ihrer Einladung immer gefolgt. Wenn er zu Besuch war, dann war die Brücke für andere unpassierbar. Er war zärtlich mit den Blumen im Garten, nie war er Verursacher eines Kratzers im Parkett. Liebevoll ging er nicht nur mit ihr, sondern auch mit ihrem Reich um. Stundenlang lagen sie im Garten in der Sonne, die Grashalme kitzelten im Nacken, kleine Wölkchen zogen am Himmel vorbei. Viele Male lockte er sie aus dem Schloss heraus und sie erlebten die spannendsten Abenteuer, da draußen in der aufregenden Welt. Mit ihm wagte sie sich weit. Viele Male kamen beide mit blauen Flecken, aber einem lachenden Gesicht zurück ins Schloss. Doch lange durfte er nie bleiben.
Es gab so viel zu tun in diesem Schloss. Seine Hilfe lehnte sie jedes Mal ab.

Nach seinen Besuchen zog sie manchmal viel zu schnell an der Zugbrücke. Er war noch nicht ganz auf der anderen Seite und viel zu oft fiel er in den Schlossgraben. Verwundet kroch er wieder hervor, schaute sich noch einmal um und verschwand dann. Doch wenn ihre Einladungen kamen, folgte er.

Sie wusste um den Schmerz, den sie ihm bereitete. Sie sah ihn fallen. Jedes Mal wandte sie sich ganz schnell vom Turmfenster ab und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes. Es schmerzte sie genauso. Doch war sie nicht in der Lage, ihm zu helfen. „Morgen werden sich unsere Wege trennen und jeder wird für sich alleine brennen. Was bleibt?“
Der Impuls, das Schloss zu beschützen war größer. Er wusste zu viele Geheimnisse um ihren Palast.

So vergeht viel Zeit. Bis sie keine Einladung mehr schickt. Er war mächtig geworden, sie wusste, er konnte jederzeit ihre Mauern einreißen. Der Gedanke war wunderbar und gleichzeitig beängstigend. Was war dann mit all ihren Festen? Mit den vielen Menschen, die zu Besuch kamen? Wie würde es dann sein, wenn sie nicht mehr alleine in ihrem Schloss wäre? Die Angst vor Veränderung lähmt und lässt sie in ihrem Turm sitzen und warten. Auf ihn. Aber er kommt nicht mehr. Der letzte Sturz in ihrem Schlossgraben war tief. Sie weiß nicht, ob er es wieder bis ganz nach oben geschafft hat.

Sie lässt die Brücke herunter und macht sich auf den Weg.

Es ist ein weiter Weg zu ihrem Ritter. Viele Male ist sie kurz vor dem Umdrehen. Weiß nicht, wie sie ihm unter die Augen treten soll und sich erklären. Es gibt kein zurück, aber vielleicht gibt es einen Neubeginn. Weit weg vom Schloss. Weit weg von der Zugbrücke.

Ihre Füße tun weh und ihr Mut ist fast verbraucht, als sie ihm endlich gegenübersteht.
„Weißt du noch, unsere blauen Flecken?“, fragt sie ihn. Natürlich weiß er es noch. Diese blauen Flecken haben bei beiden Narben hinterlassen.

Um seine Narben kümmert sich jetzt eine andere.

 

 

Kursiv: „Blaue Flecken“ von MIA.

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