8. Akt

Einmal hat sie jemanden angefleht, nicht zu gehen. Um eine Erklärung gebettelt. Gefragt, ob er sie noch lieb hat. Und dieser Jemand trug stumm seine Kisten an ihr vorbei, nach unten, nach draußen. So ging es den halben Tag lang. Geweint. Geschluchzt. Sie saß auf der gleichen Stelle, während er an ihr vorbeilief, als wäre sie Luft. Ausgerechnet diesem Mann, der ihr jahrelang so respektlos gegenübergetreten war, ihm trauerte sie hinterher. Er, der mit rotweingetränkter Stimme von der Welt sprach, wie er sie sah, wie nur er sie sah und wie er aber wollte, dass sie es ebenso tat. Er merkte nie, wenn er wieder zu weit gegangen war. Sie würde niemals das kalte Wasser vergessen, in dem er sie sitzen ließ. Das doch immerhin wärmer war als das, was sie außerhalb der Badewanne erwartete. Stundenlang. Als wäre sie sein Eigentum.

An dem Tag, an dem er schweigend aus ihrem Leben verschwunden war, kam zum ersten Mal dieser Sturm auf, der sie von da an nie wieder loslassen würde.

Viele Jahre später kommt es manchmal vor, dass der Trigger anklopft. Oft genau dann, wenn sie sich vor dem Sturm gefeit denkt. Unter der warmen Bettdecke wird es dann plötzlich wieder so kalt wie im Badewasser vor 15 Jahren.

Sie schreckt hoch. Seine Hand liegt auf ihrem Oberschenkel. Sie war gerade eingeschlafen. Ein eisiger Windhauch kündigt den Sturm an. Sie weiß, wie sie sich dann zu verhalten hat. Türen und Fenster müssen vernagelt werden. Dieses Mal hat sie die Vorzeichen ignoriert, kann es jetzt nicht mehr rückgängig machen und kann es nicht aufhalten. Seine Hand wird fordernder. Sie hätte ihn nach Hause schicken sollen, hätte ihn gar nicht herkommen lassen sollen. Zu spät.
Und dann wird aus dem Windhauch der Sturm. Er weiß nicht, was gerade mit ihr passiert. Niemand weiß es.
Sie will sagen warum und wie sehr sie leidet, kann es aber nur mit ihren Augen, denn der Wind trägt ihre Stimme weit weg. Sie ist weit weg.

Er sammelt hastig all seine Sachen ein.
Er schweigt und wendet sich ab, um zu verschwinden.

Als er aus der Haustür geht, bleibt sie stumm und kalt, schaut ihn nicht an. In ihrem Kopf tobt es. Er bleibt noch einmal stehen, aber sie schließt mechanisch die Tür, sperrt ab.
Dann kriecht sie unter ihre Bettdecke und tut das, was er nicht konnte. Sie nimmt sich in den Arm. Schnell brausen die Wolken über sie hinweg.

Am nächsten Tag ein kurzes Telefongespräch. Ihr tut es leid. Die Vorwürfe, die Tränen, das Schweigen und die Kälte. Sie versucht es zu erklären. Aber wie erklärt man etwas, das man selbst nicht fassen kann? Er sagt, er verstehe, es gebe kein Problem. Sie weiß, dass es ein Problem gibt. Sie weiß, dass er es nicht versteht. „But there’s an endless battle to be won“

Sie weiß auch, dass er sich nicht mehr melden wird. In ein paar Tagen sind die Sturmschäden beseitigt. Die Sonne kommt wieder heraus. Er wird den Sturm vergessen, sie nicht.

 

 

Kursiv: „18 Karat Gold“ von JOHNOSSI

 

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