7. Akt

Die Zunge ganz taub. Am Tee verbrannt. Wieder mal viel zu schnell und ungeduldig gewesen.
Sie streckt sich im Spiegel die Zunge entgegen. „Das hast du jetzt davon!“ Rotes, glänzendes Fleisch. Mit verbrühter Zunge schmeckt es sich schlechter. Alles bitzelt taub vor sich hin. Sie muss trotzdem lachen.
Zu viel, zu schnell. Die Erfahrung weiß es besser, pennt aber oft in den entscheidenden Momenten.

Seit Tagen keine Antwort. Lebenszeichen – ja. Aber nicht ausschließlich an sie gerichtet. Der Sanfte ist genauso leicht wieder verschwunden wie er gekommen war. Eine einseitige Situation. So scheint es. Oder?

„Es ist gar nicht schlimm, nichts zu wissen“, sagt sie sich selbst, schiebt die Gedanken aus dem Kopf.
Sie zieht die Turnschuhe im Flur an.
Handy. Schlüssel. Geld. Das Licht im Flur bleibt an. Raus.
Erstmal eine Runde um den Block.
„Ich wünschte, ich könnte es in Worte fassen“, verrät sie am Telefon. „Dieses Gefühl. So wahnsinnig vertraut. Irgendwie ganz selbstverständlich. Wieso nimmt man etwas, das absolut nicht selbstverständlich ist, so sehr für gegeben? Wir gehen ständig davon aus, dass wir der ganz besondere Stern am Himmel des Gegenüber sind. Verhalten uns dann auch noch so. Das ist doch schrecklich, oder?! Viel schlimmer ist es ja, wenn man sich dessen bewusst ist. Bis dann die rosa Brille zuschlägt, oder wie man diesen Moment beschreiben soll.“ Sie weicht einer alten Frau mit Pudel aus. Sie hat sich ein wenig in Rage geredet und starrt dabei unentwegt beim Gehen auf den Boden. „Ich wünschte, ich könnte einfach auch mal meine Klappe halten! Nicht immer alles auf den Tisch packen, mich so verletzlich machen. Davon ausgehen, mein Gegenüber erkennt den Wert und schätzt ihn dementsprechend. Ich bin so vorschnell …“ Keine Antwort. Was kann man schon antworten.
Abwarten.

Abwarten und Tee trinken. Die Zunge verbrühen. Gedanken ein- und wieder ausschalten und noch ein bisschen länger warten.
Irgendwann wird dann genug gewartet sein. Die Optionen für danach sind tausendfach. Aber es wird schon eine geben.

Noch einmal diese sanfte Hand auf der Brust spüren. Die Wärme und das Gefühl, ein kleines bisschen vom Boden abheben zu können, würde man jetzt aufstehen. Noch einmal so durchatmen können wie in diesem Moment. Alles ganz klar und deutlich sehen.

Jahre waren vergangen, zwischen dem ersten und dem letzten Treffen. Beim ersten Mal war sie wie ein getriebenes Tier weggelaufen. Der Moment, war nicht für diese Begegnung gemacht. Sie erst recht nicht.
Diesmal war alles anders. Ihre Hände ineinander gelegt saßen sie da.
„How long have you known? Forever, if ever?“, sagte er und sie lächelte ihn an.

Jeder hat das Recht auf seine Zeit.
Sie kann solange einfach Tee trinken. Sich die Zunge verbrühen.
Oder sie wartet, bis der Tee abgekühlt ist.

 

 

Kursiv: „How long have you known“ von DIIV

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s