6. Akt

Ein feiner Nebel, der gut riecht, legt sich auf ihre Haut, beginnt zu schimmern, wird warm. Sie betrachtet sich im Spiegel. Langsam. Dreht den Kopf hin und her. Ein letzter Strich Kajal. Fertig.

Schwarze Spitze, das Licht lässt die Haut wie einen Samtteppich aussehen. Im Aschenbecher glüht eine Zigarette langsam vor sich hin. Sie hat Zeit, so viel Zeit. Ein letzter Zug, ein letzter Schluck aus dem Weinglas.
Die Spitze verschwindet unter dem Kleid. Das Kleid verschwindet unter GoreTex.
Handy, Schlüssel, Geld. Licht im Flur bleibt an. Raus.
Die Nacht empfängt sie still. Wie zwei Verbündete machen sie sich auf den Weg. Einen unbekannten Weg. Ein Blick in den Himmel, es sind keine Sterne zu sehen. Eine dunkle Wolkendecke legt die Stadt schlafen.

Sie liebt den Moment davor. Die Ruhe und die Klarheit, die sie überfallen und dann ganz schnell, wie ein dünner Rauchfaden, verschwinden. Sobald sie klingelt.

Ab jetzt passiert alles wie in Zeitlupe. Sie hat die Arme lange nicht gesehen. Sie kann das Vikingerblut, das durch seine Venen strömt, fast wieder schmecken. Sie hat so lange Zeit daran zu denken, wie sie benötigt, das GoreTex abzustreifen, dann tragen sie die Arme weg.

Sie liegt auf dem harten Boden, warmes Licht schleicht sich aus einer Ecke leise über seine Haut. Langsam zeichnet sie mit ihren Fingernägeln Muster in die breite Vikingerbrust. Dann immer schneller. Immer tiefer. Ein Fetzen bleibt unter ihrem Nagel hängen. Das war zu viel, sie weiß es. Sie weiß auch, was jetzt kommt. Eine Gänsehaut zieht sich den Bauchnabel hinauf über die Brüste und bis hinter die Ohren. Sie kann seinem Blick noch standhalten.

Ein harter Schlag lässt sie ihre Lippen aufeinander pressen. Im gleichen Moment dringt seine Zunge in ihren Mund und raubt ihr den Atem. Knöchel knacken, Haut platzt, ein rostiger Geschmack macht sich breit. Wie hat sie ihn vermisst. Tränen schießen in ihre Augen. Der Schmerz lässt sie lachen. Das provoziert ihn. Soll er doch zeigen, was er kann. Sartre oder Epikur?

Die Vikingerhand liegt sanft auf ihrem Hals, dann streicheln die rauen Finger zart ihre zitternde Schlagader. Seine andere Hand ruht auf ihren Haaren, die in Strähnen im Gesicht liegen. Er flüstert etwas, durch das Dröhnen in ihrem Kopf kann sie ihn kaum verstehen. Er küsst ihre Wangen. Erst links, dann rechts. Dann die Stirn. Der Bart kratzt, ein trauriges Ritual. Eine Träne schafft es, ihrem Augenwinkel zu entfliehen. Ihr ist kalt. Er drückt ihren Körper mit seinem Gewicht nach unten, kurz stellt sie sich vor, wie sie beide gleich durch den Holzfußboden brechen. Die Hand um ihren Hals wird immer schwerer. Das Luftholen auch. Sie muss mehr Kraft aufwenden, um ihre Lungen zu füllen. Er küsst vorsichtig ihre aufgeplatzten Lippen, greift mit der anderen Hand nach ihren Handgelenken und hat es nicht schwer, ihre zitternden Schenkel mit seinem Knie auseinanderzuschieben. Beide wissen, was jetzt passiert. Die Atemzüge sind abgezählt. „Coming up for air, air. Push me back in, silent in sin.“ Ein Kribbeln macht sich breit. Gleich hüllt sich alles um sie herum wieder in den dünnen Nebel, mit ihm kommt die Klarheit zurück, die Ruhe.

 

 

Kursiv: „Basic Instinct“ von THE ACID

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