4. Akt

Ein Glas Wasser spült ihre drei neuen Freunde herunter. Die Mittagsfreunde. Es gibt auch drei für den Abend und drei für den Morgen. Sie helfen ihr, sich zu bewegen. Machen den Schmerz erträglich.
Seit Wochen steht sie morgens weinend im Bad und versucht sich die Tränen und den unruhigen Schlaf aus dem Gesicht zu waschen, doch unfähig, sich dazu über das Waschbecken zu beugen. Über den Tag dann fast vergessen wird sie am Abend immer wieder eingeholt, vom dumpfen Pochen tief hinter dem Herzen. Alles geht irgendwann einmal vorbei. Doch diesmal nicht. Das hier ist ernst.

Sie zieht die Turnschuhe an. Schlüssel. Handy. Geld. Raus. Das Licht im Flur bleibt aus.

Ein Blick aufs Display. Nachrichten über Nachrichten. „Wie geht es dir?“, „Wie geht es heute?“, „Brauchst du was?“ Sie überfliegt die vielen Absender. Die anderen Freunde.
Er ist nicht dabei. Kurzes Durchatmen.
Es sollte ihr egal sein.
So geht das nicht weiter.

„Sie ist die coolste Frau der Welt“, denkt sie, während sie versucht, sich auf den Stuck der weißen Altbaudecke über sich zu konzentrieren. Sie ist angespannt.
Sie liegt der Coolen zu Füßen, die Beine auf deren Oberschenkeln abgelegt. Sanft zieht die Coole ihre Beine immer näher zu sich heran, um dann wieder nachzugeben. Es fühlt sich irgendwie intim an, sehr vertraut. Genau richtig.
Es ist still im Raum. Sie versucht ihre Atmung zu kontrollieren.
„Sie ist wirklich schön“, denkt sie. Das hat sie so noch nie über eine Frau gedacht.
Die Coole setzt sich an ihre Seite und schiebt ihr die warmen Hände unter den Pullover. Die Hände berühren ihre nackte Haut. Die Fingerspitzen fangen an, einen sanften, aber bestimmten Druck an ihrem Rücken zu hinterlassen.
Immer tiefer greifen sie in die Haut. „Sie soll niemals aufhören“, denkt sie, während sie versucht, locker über Alltägliches zu plaudern.
„So geht das nicht weiter“, bekommt sie zu hören.

Die Zeit verging schon wieder viel zu schnell. „Wir sehen uns übermorgen“, sagt die Coole zum Abschied.
„Ja, bis dann“, sagt sie, zieht die Turnschuhe wieder an und den Reißverschluss der Jacke bis unters Kinn. Dann tritt sie heraus auf die Straße.
Laufen. Langsam laufen.
Ein weißes Kabel baumelt vor ihrer Brust und verschwindet am einen Ende in der Jackentasche und in die andere Richtung in ihrem Ohr. „I get by with a little help from my friends, I get high with a little help from my friends.“ Sie atmet wieder tief ein und aus. Und diesmal kommt ihr alles nicht mehr so dramatisch vor. Zu Hause schaut sie noch einmal auf das Display ihres Handys. Die Fragezeichen sind nicht mehr geworden. Doch die vorhandenen hinterlassen nun das richtige, das geliebte Gefühl.

 

 

Kursiv: „With a little help from my friends“ von THE BEATLES

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