3. Akt

Ungewohnte Stille seit Tagen. Regen und kalte Füße.
Sie zieht die dunkelblauen Socken mit den Gumminoppen an. Die sind warm. Die passen auf sie auf.
Der Briefkasten birgt neue Herausforderungen. Schmunzelnd öffnet sie noch im Flur den ersten Brief. Diese Tageszeitung gibt eine Menge, um sie als Abo-Kunden dauerhaft zu gewinnen. Aber wann soll sie die denn noch lesen? Im Wohnzimmer liegt schon seit Wochen die letzte Zeitung und wartet darauf, endlich alle Geheimnisse, die schon lange nicht mehr geheim sind, entlockt zu bekommen.
So fliegt ein Brief nach dem anderen in den kleinen weißen Eimer. Eine Karte erregt ihre Aufmerksamkeit.
Marokko. Das Bild eines Gewürzstands verursacht einen kleinen Stich im Herzen. Wie lange diese Karte wohl gebraucht haben mag? Dieses kleine Stück Pappe und Farbe konnte ja nicht ahnen, was in der Zwischenzeit alles passiert war. Das Linienflugzeug war um Wochen schneller wieder in der Stadt. Weit bevor diese Karte von einem marokkanischen Briefträger aus einem Briefkasten geschüttet wurde.
So fällt ein unschuldiger Gruß aus der Ferne von einem vergessenen Postfach ins nächste. In diesem ist es dunkel und warm. Hier wurde lange nicht mehr nachgeschaut. Hier kamen lange keine Nachrichten an.

Der Gruß wirbelt eine dicke, unberührte Schicht Staub auf. Zeit hier mal ordentlich rein Schiff zu machen, beschließt sie.

Das heiße Wasser spritzt aus dem Eimer, den sie in die Badewanne gestellt hat. Nur ein kleines bisschen Wasser reicht, das Putzmittel ist ergiebig und senkt dadurch die Nebenkosten. Ein bisschen schnelle Musik, die Ärmel sind hochgekrempelt.
Marokko. Sie kennt die Details. Jedem Wort hat sie gelauscht. Weil sie genau wusste, danach kommen nicht mehr viele. Wie wenige es dann am Ende waren. Dazu zweimal Nicken. Eine Umarmung. Alles an derselben Kreuzung, an der ein Jahr zuvor alles begonnen hatte. Sie hatte noch kurz mit dem Schlüssel in der Jackentasche klimpern können und schon war alles vorbei. Kurzer Heimweg, der so oft gegangen auch mit verschwommenem Blick zu schaffen war. Einfach geradeaus. Einmal links. Bis ans Ende der Straße. Tür auf. Turnschuhe ausziehen und dabei im Spiegel das gerötete Gesicht sehen.
Danach das alte Ritual mit dem Eimer und der Badewanne. Sehr ergiebig dieses Putzmittel. Senkt die Nebenkosten. Nur ein kleines bisschen Wasser reicht.

Mit geübten Bewegungen kreist der Schwamm über die Fliesen. Es sieht hier ungewohnt aus ohne die Badezimmervorleger. Die Waschmaschine beginnt das Schleuderprogramm. Was der Kartenschreiber jetzt wohl gerade macht? Ob er noch an die Karte denkt? Schnell den Wäscheständer abräumen, bevor die Maschine fertig ist. Die Vorhänge könnten gleich als nächstes rein. Dann herrscht vielleicht wieder etwas, das man Durchblick nennen kann. Im Radio singt einer „It´s never put together, it´s never put together. Behind the curtains you turned, fall slowly as a feather“.
Sie dreht lauter und faltet die Zeitung im Wohnzimmer zusammen, um sie in den Müll zu werfen.

 

 

Kursiv: „Inch of Dust“ von FUTURE ISLANDS

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