2. Akt

„Oh schlimm, Kopfschmerzen. Autsch!“ Sie dreht sich auf die Seite, kneift die Augen zu vom grellen Licht, das sie so plötzlich aus dem Schlaf gerissen hat. „Brauchst du was?“, fragt er, noch genauso müde und ganz tief unter den Bettdecken vergraben. Langsam öffnet sie die Augen und schaut sich um. Staubteilchen tanzen durch die Luft, glitzernd. All diese tanzenden Teilchen, wie konnte sie da nur so tief schlafen? Wie spät mag es sein?
Sie wühlt unter der Decke, bis sie seine Hand gefunden hat. Drückt sie fest. Die Hand drückt zurück, nur um sich sofort wieder zu lösen.
Er steht auf, schmeißt sich das flauschige Superheldencape über die nackten Schultern und geht aus dem Zimmer.

Das Handydisplay sagt, es ist früher Nachmittag. Sie zieht sich die Decke über den Kopf und schnauft den Kopfschmerz ins Kissen. Es riecht nach ihm. Das Plastikbändchen ums Handgelenk kratzt im Gesicht. Ich muss in meine Badewanne, denkt sie sich.
Bilder der letzten Nacht tauchen wie in einem Kaleidoskop vor ihren Augen auf. Die Jungs mit der Wodkaflasche. Das Mädel mit dem funkelnden Kleid an der Garderobe. Die beiden anderen mit den wahnsinnig langen Wimpern. Dieser Typ. Der mit dem Freund, der so komisch geguckt hat. So komisch guckt er auch immer von der Leinwand, wenn ein geschmackloser Regisseur wieder keinen anderen finden konnte. Die Telefonnummer, die sie gespeichert hat – unter welchem Namen war das noch mal? „Ich liebe diese Lichter“ hat er einer anderen ins Ohr geflüstert. Darüber muss sie auch Stunden später noch schmunzeln.

Es war laut. Es war dunkel. Sie spürt wieder das Hämmern des Basses im Magen, den Schweiß zwischen den Brüsten. Viel gelacht. Ganz viel umarmt. Geküsst. Versprechen gemacht und dabei den Körper geteilt wie eine Sahnetorte. Geheimnisse mit Fremden ausgetauscht. Noch immer der Wunsch, diese Fremden zu Freunden zu machen.
Dieses eine, wichtige Gespräch am Vorabend. Fast vergessen über den Sekt und den Schnee, aber nur fast.

Die Tür geht auf und sein grinsendes Gesicht erscheint. „Hier, nimm die mal. Dann geht es gleich besser.“ Er hält ihr eine Tablette und ein Glas Wasser hin. Ein Schluck und weg.
Eine vertraute Umarmung. Eine feste Hand um die Gelenke. Drei Griffe und sie ist sein. Wieder das Rauschen im Kopf, das gute Rauschen. Hitze und pumpendes Blut in den Venen. Die gute Hitze.

„Ich gehe jetzt nach Hause“, flüstert sie und er dreht den Kopf zu ihr und lächelt sie an. An der Sahnetorte überfressen. Dieses eine, wichtige Gespräch am Vorabend. Fast vergessen über den Sekt und den Schnee, aber nur fast. Die andere. Müsste sie sich keine Sorgen machen, über die andere? Nein. Es passiert, was passieren muss. So soll es bleiben.
Als die Tür ins Schloss fällt, singt es laut in ihrem Kopf – „Und ich springe auf die Barrikaden. Aus vollem Herz in jeden Hinterhof zu schreien.“

 

 

Kursiv: „Schall & Rauch“ von MILLIARDEN

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