1. Akt

Sie bezahlt die Rechnung und beide machen sich auf den Weg nach draußen. Im Restaurant ist es laut. Hier ist jeder, der sich und seine Liebsten an einem Samstagvormittag präsentieren mag. Und jeder, der sich unter den sich Präsentierenden verstecken will.

Draußen kalter Wind. Zigaretten wärmen Fingerspitzen. Gedanken an die eben geführten Gespräche wärmen Köpfe.

„Kommst du nachher noch mit? Wir wollen ein paar Aufnahmen machen“, fragt sie in die Stille hinein. „Ich fühle mich nach zu Hause sein. Aber komm vorbei, wenn du fertig bist“, antwortet er.

Schlüssel im Schloss. Sachen kramen. Ein langer Kuss. Tür wieder zu. Sie stellt sich unter das heiße Wasser der Dusche und wäscht den Rauch und die Trunkenheit der letzten Nacht aus den Haaren. Dann wieder das alte Spiel. Wie oft hat sie sich wohl schon Turnschuhe in einem Flur angezogen? Sich dabei im Spiegel beobachtet. Streng und kontrollierend. Als wäre es eine prämierte Turnübung, die es zu bestreiten gilt.

Schlüssel. Handy. Geld. Licht im Flur bleibt an. Tür zu. Raus.

„Ich komme gerannt, ich glaube, ich schaff es nicht rechtzeitig“, lacht sie ins Telefon. Dabei sitzt sie in der warmen U-Bahn-Station und fragt sich wie immer, wohin die anderen Menschen um sie herum wohl fahren, woher sie wohl kommen. Kein Lächeln. Stumme Gespräche. Displays, Bücher, müde und wache Augen. Ein warmer, stärker Wind, als die Bahn einfährt. Die Stille der unterirdischen Welt wird für wenige Minuten aufgewühlt. Dann verschwindet der laute, gelbe Wurm wieder in der Dunkelheit. Das Spiel beginnt von vorne.

Ein kleines Mädchen springt zwischen Kinderwagen hin und her und ruft ununterbrochen „What the fuck! What the fuck!“. Dabei lacht sie laut und unschuldig. Ganz sicher ihrer eigenen Worte nicht bewusst. Ein schmunzelndes Lächeln weht von Waggon zu Waggon. Ein irritierter Blick fliegt mit ihm um die Wette.

Endstation. Wenigstens für einige. Sie steigt aus und die Stufen zurück an die Oberfläche. Ein Sonnenstrahl blitzt aus der grauen Wolkendecke hervor. Na bitte. Schnelle Schritte zum verabredeten Treffpunkt.

„Wir brauchen am besten so fünfzig tanzwillige Menschen. Möglichst jetzt.“ Verhaltenheit. Erstmal ein Bier aufmachen. Durchatmen. „Sie müsste eigentlich unterwegs sein.“, „Er wollte auch kommen, aber die Arbeit“, „Vielleicht sind sie gleich da!“ Da kommt eine Reisegruppe um die Ecke. Touristen, die sich vom Wetter nicht abschrecken lassen und begeistert ihrem Guide lauschen. Noch ein Schluck Bier. Ein Zug an der Zigarette. „Ihr wolltet doch schon immer mal bei einem echten Musikvideo dabei sein, stimmt’s?“ Lachen. Und blitzende Augen.

Eine Stunde später ist schon alles im Kasten. Die Sonne konnte nicht widerstehen und hat sich einen Platz in der ersten Reihe gesucht. Die Kronkorken bilden einen Sternenhimmel am Boden. Glühende Gesichter und glühende Herzen. Freudenküsse. Freundesküsse. Der Stimmungsbogen pulsiert nach. Er spannt sich mit dem Zeiger der Uhr noch eine ganze Weile im Kreis und verschwindet dann so langsam wie die Sonne.

Langsame Schritte. Unterbrochen von Lachen und Umarmungen. Aufs selbe Ziel hin, bis sie dieses Ziel zu anderen Zielen bringt. Treppe runter. Warme Luft einatmen. Wieder der gelbe Wurm, der sie alle kennt. Den sie alle kennen.

Gesprächsfetzen ziehen durch den Waggon. „Du bist ja ganz nass!“, „Für dich reicht es.“, „Er ist ein richtiger Player, so ein richtiger!“, „Find ich toll, solche Leute. Die haben Kanten.“

Frischluft. Blaue Luft. Treppe führt in einen kalten Herbstabend. Ich bin da. Drei Worte per SMS. Zehn Meter bis zur Tür. Im zweiten Stock warten ein paar euphorische Augen geduldig auf den Besuch und die Nacht.

„If you’re willing to wait for the love of your life, please wait by the line“ – summt es in ihrem Kopf. Und er sagt „Ich mach eben mein Hörbuch aus und dann lass uns endlich was essen.“

 

 

Kursiv: „Pusher“ von ALT-J

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