Vorspann

Gefühlte minus 8.000 Grad vor der Tür. Kein Wetter für Bikiniabdrücke. Das einzig gebräunte sind die toten und matschigen Blätter im Rinnstein. Und die Hundehaufen, übelriechende Hundehaufen alle zehn Meter. Sie kann sie von der Wohnung aus nicht sehen, aber sie weiß, dass sie da sind.

Ein Blick in den Spiegel, die Haare leicht fettig, lagen auch schonmal besser. Vielleicht liegt es auch am trüben Licht, welches sich mit Mühe gerade so durch die Altbaufenster kämpft und zusätzlich von angegrauten Stoffvorhängen festgehalten wird. Die könnten mal wieder gewaschen werden.

„Passt schon“ denkt Sie sich, zieht die Kapuze auf und die Turnschuhe an. Schlüssel, Handy, Geld. Licht im Flur bleibt an. Tür zu. Raus.

Auf der Straße zwei Frauen mit dicken Wolfshautjacken, Gummistiefeln und den gleichen Rucksäcken. Eckigen, farbigen Rucksäcken. Ein Statement mit der praktischen Möglichkeit seine Käsebrote und Klappcomputer mit sich herum zu tragen. Die eine Rucksackträgerin mit lauter Stimme „Ich verstehe nicht, wie man befreundete Familien fragen kann ob sie einem beim Umzug helfen können. Mein Gott, dann nimmt man eben mal zwei- bis dreitausend Euro in die Hand und bezahlt wen. Wir sind doch keine Studis mehr.“

Sie geht um die Ecke, kann nicht mehr sehen wie die zweite Rucksackträgerin ihrer Freundin mit energischem Kopfnicken zustimmt, ehe diese anfängt ihren Familiensonntag gegen schmarotzende, kinderlose Studienfreunde zu verteidigen.

Zeit für eine Zigarette. Sie holt die kleine goldene Schatulle aus der Jackentasche. Im gehen drehen ist eine Sache die so viel Aufmerksamkeit erfordert, dass es einfacher ist vorzudrehen als sich mit gebrochenem Arm den Hintern abwischen zu müssen, weil man abgelenkt vor das nächste Auto gelaufen ist. Ihr fällt ein, dass Er noch ihr Feuerzeug hat. Mittlerweile schon das zweite. Wenn das in dem Tempo weitergeht, dann hat er sich innerhalb der nächsten fünf Wochen ihren gesamten Feuerzeugbestand unter den Nagel gerissen. Sie muss schmunzeln. Vielleicht sollte sie dann einfach aufhören. Mit dem Rauchen.

Mit ihm hat sie keine Lust aufzuhören. Viel zu spannend. Auch, wo das noch alles hinführen könnte. Aber sich vorstellen was in fünf Wochen ist, außer dem Feuerzeugdilemma, das will sie sich auch nicht. Fantasie ist eine große Gabe. Genauso gut eine Waffe. Gegen sich und andere. Mein Leben ist schon fantasievoll genug, beschließt sie, geht über die Straße und zieht den Reißverschluss der Jacke noch ein kleines Stück höher.

Ich bin da. Drei kurze Worte per SMS, noch zehn Meter bis zur Tür. Sie schnipst die Zigarette zum nassen Laub auf die Straße und geht die fünf Stufen zu seiner Tür hinauf. Der Türsummer summt, als wäre er ein Bewegungsmelder. Zwei Augenpaare treffen sich im zweiten Stockwerk, zwei Münder treffen aufeinander. Zwei Turnschuhe ausziehen.

„Doch erst wenn alle Segel schlafen, im Hafen, schwimm ich hoch und komm an Land“ singt es in ihrem Kopf. „Du hast noch meine Feuerzeuge“ sagt sie. Er grinst und zuckt mit einer Schulter. „Willst du sie wiederhaben?“ „Passt schon“ sagt sie und setzt die Kapuze ab.

 

 

Kursiv: „Neue Luft“ von CLUESO

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s